DIE GRÜNEN | EFA im Europäischen Parlament Sven Giegold Am 25. Mai:Grün für ein besseres Europa
Newsletter Einstellungen verändern

Vermögensstudie der EZB rechnet die Deutschen ärmer als sie sind


Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre mit Spannung erwartete Studie „The Eurosystem Household Finance and Consumption Survey“ vorgestellt. Ein viel diskutiertes Ergebnis der Studie ist, dass das Vermögen der deutschen Haushalte scheinbar geringer als das durchschnittliche Vermögen in Europa ist. Angesichts der Rettungsmaßnahmen in Ländern wie Portugal, Griechenland und Zypern enthält die Studie immensen politischen Zündstoff – denn warum sollten die „armen Deutschen“ die viel reicheren BürgerInnen aus den Südländern retten?

Es ist erfreulich, dass die EZB das Thema der Vermögen und Vermögensverteilung in der Eurorettung in den Blick nimmt. Das ist neu und findet sich nirgendwo in der Troika-Politik wieder, an der die EZB ja beteiligt ist. Die fehlende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitaleinkünften ist ein wichtiges Versäumnis der bisherigen Krisenpolitik.

Die Vermögensstudie basiert jedoch auf Annahmen, die das Ergebnis grob verfälschen, und stellt damit eine schwache Leistung der EZB dar. Durch die Studie wird die öffentliche Debatte um die Eurorettungsmaßnahmen vergiftet und mit zunehmender Polemik geführt. Ich fordere die EZB deshalb auf, die Vermögensstudie zu korrigieren und eine öffentliche Stellungnahme dazu abzugeben, anstatt im Kleingedruckten der Studie auf die Schwachpunkte ihrer eigenen Untersuchung hinzuweisen.

Was wurde in der EZB-Studie untersucht?

Von 2008 bis 2011 wurden im Rahmen der Studie 62.000 Haushalte in 15 Ländern zu ihrem Vermögen befragt. Aus den Daten der Befragung wurde das Nettovermögen der Haushalte in Europa berechnet.

Die EZB möchte mit Hilfe der Studie Informationen zu den Vermögensbestandteilen der Haushalte in Europa gewinnen, um Rückschlüsse zu erhalten, wie sich wirtschaftliche Schocks auf das Vermögen der privaten Haushalte auswirken. Der Fokus der Untersuchung lag also nicht auf einem Vergleich der Vermögen in Europa. Dennoch hätte sich die EZB bewusst sein sollen, welche Sprengkraft ihre Studie enthält und ihre Annahmen vor ihrer Veröffentlichung überprüfen sollen.

Was sind die Ergebnisse der Studie?

In der Studie wurden Vermögen, Schulden, Konsumverhalten und Hemmnisse bei der Kreditvergabe der Haushalte in Europa untersucht. Ein in der Presse häufig aufgegriffenes Ergebnis betrifft das durchschnittliche Nettovermögen der Haushalte in Europa:

LandNetto-Vermögen
Luxemburg397,8
Zypern266,9
Malta215,9
Belgien206,2
Spanien182,7
Italien173,5
Frankreich115,8
Niederlande103,6
Griechenland101,9
Slowenien100,7
Finnland85,8
Österreich76,4
Portugal75,2
Slowakei61,2
Deutschland51,4

Warum liefern die Daten der Studie keine verlässliche Aussage darüber, wie die Vermögen in Europa verteilt sind?

Die EZB weist selbst darauf hin, dass die Ergebnisse ihrer Untersuchung mit Vorsicht zu genießen sind. Im Folgenden sind die Schwachpunkte der Studie aufgelistet:

1) Vermögensgleiche Rechte wie die Forderungen aus Renten- und Sozialversicherungen und andere staatliche Leistungen, wie beispielsweise der Zugang zu kostenloser Bildung, wurden nicht in das Vermögen eingerechnet. In Deutschland trägt das Sozialsystem aber maßgeblich zum hohen Lebensstandard der BürgerInnen bei. Darüber hinaus ist in Deutschland die Notwendigkeit, Vermögen zum Schutz vor Notlagen und zur Altersvorsorge aufzubauen, aufgrund des gut ausgebauten Sozial- und Rentensystems geringer als in anderen europäischen Ländern.

2) In der EZB-Studie ist der Immobilienbesitz ein wesentlicher Faktor der Vermögensbemessung. Insbesondere die Berechnung des Wertes der Immobilien ist jedoch fragwürdig:

  • In der Studie wurde der Wert der Immobilien mit Immobilienpreisen von 2008 und 2010 berechnet. In den Ländern, die in der Vermögensstudie reich erscheinen, sind die Immobilienpreise in diesen Jahren infolge von Immobilienblasen stark nach oben verzerrt. Dadurch steigt das Vermögen der Haushalte künstlich an. In Deutschland hingegen sind die Häuserpreise seit Jahren auf einem stabilen und im europäischen Vergleichniedrigen Niveau und fließen weniger stark in die Vermögensbemessung ein.
  • In anderen Ländern stellt der Immobilienbesitz einen wichtigen Posten der Altersvorsorge dar. Zudem gibt es einen attraktiven Markt für Mietwohnungen.

3) Das Vermögen wurde je Haushalt – und nicht aufgeschlüsselt nach Einzelpersonen – berechnet. Aufgeschlüsselt nach Einzelpersonen ist das Netto-Vermögen der Nordeuropäer höher, da dort vergleichsweise wenige Personen in einem Haushalt leben. In den südeuropäischen Ländern wohnen hingegen mehr Personen in einem Haushalt, so dass deren Pro-Kopf-Vermögen in Wirklichkeit niedriger ist.

4) Die Studie ist Ausdruck der ökonomischen Ungleichgewichte in Europa. Deutschland hat sich jahrelang durch das Drücken der Lohnniveaus einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Dies spiegelt sich zum Teil in der Vermögensstudie der EZB wider. Die hohen Ungleichgewichte in der Eurozone haben zudem zur Verschuldung zwischen europäischen Staaten geführt. Das drückt sich in der Nettoauslandsposition der Staaten aus, die angibt ob Volkswirtschaften gegenüber dem Ausland unter dem Strich Vermögen oder Schulden haben. Zum Vergleich der finanziellen Vermögenssituation zwischen Staaten ist die Nettoauslandsposition zudem besser geeignet:

LandNetto-Auslandsposition in % des BIP
Luxemburg107,8
Zypern-71,3
Malta7,5
Belgien65,7
Spanien-91,8
Italien-20,6
Frankreich-15,9
Niederlande35,5
Griechenland-86,1
Slowenien-41,2
Finnland13,1
Österreich-2,3
Portugal-105,0
Slowakei-64,4
Deutschland32,6

Quelle: Economic Governance Support Unit des Europäischen Parlamentes, Daten vom 15. März 2013

5) Die befragten Haushalte mussten den Wert ihres Vermögens selbst einschätzen. Es ist gut möglich, dass manche unter- und andere übertrieben haben. Die Daten sind daher nur wenig aussagekräftig.

6) In der Umfrage wurde nach Wohnsitz und nicht nach Staatsangehörigkeit unterschieden. Beispielsweise fließt somit das Vermögen reicher Unternehmen, die sich auf Zypern niedergelassen haben, in das durchschnittliche Vermögen der Zyprioten ein und erhöht dieses.

 

Hier gehts zu den Ergebnissen der EZB-Vermögensstudie.

Hier gehts zu einem guten Artikel der NachDenkSeiten, in dem die methodischen Fehler aus den Annahmen der EZB anschaulich beschrieben werden.

Hier noch ein sehr gutes Dokument von meinem Kollegen Dr. Tobias Lindner, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen im deutschen Bundestag.

3 Kommentare: “Vermögensstudie der EZB rechnet die Deutschen ärmer als sie sind

  1. Hallo!
    Diese Kritik an der Studie der EZB ist doch ein typisches Beispiel von „ich bastel mir meine Argumente so zurecht, dass sie meine Ideologie stützen“.

    1. Punkt Rentenansprüche
    Man kritisiert hier, dass die deutschen Rentenansprüche nicht als Vermögen mit einberechnet werden. Gleichzeitig geißelt man aber die Vermögensverteilung in Deutschland, wo genau diese Rentenansprüche eben nicht mit einberechnet sind. Wenn man sie einberechnen würde würde man natürlich zu einem vollkommen anderen Bild über die Vermögensverteilung in Deutschland kommen. Man biegt sich selektiv die Argumente so zurecht, wie sie einem gerade passen und dies auch noch in ein und dem selben Papier!

    2. Veraltete Daten
    Ihr kritisiert, dass die Immobilienpreise rein fiktiv sind. Gleichzeitig kritisiert ihr aber die Vermögensverteilung, welche exakt zum Großteil aus diesen fiktiven Zahlen zusammengesetzt sind, nämlich Immobilien und Aktien. Ihr wollt mit der Vermögensabgabe sogar noch diese vollkommen fiktiven Zahlen besteuern! Und dies zu einem Stichtag bewertet auf dem Höhepunkt der Aktien- und Immobilienblase. Wenn andere aber die selben Zahlen benutzen, dann haben die natürlich unrecht.

    3. Berechnung nach Haushaltsgröße
    Was bitte ändert es am Familienvermögen, wenn dort 1 Kind mehr im Haushalt lebt? Haben Kinder nennenswerte Vermögen, so lange sie noch bei ihren Eltern leben???

    4. Auslandsverschuldung
    Ist nicht Folge der Lohnentwicklung in Deutschland, sondern Ausdruck dessen wie desaströs sich der Euro auf die einzelnen Volkswirtschaften ausgewirkt hat in Kombination zur jeweils nationalen desaströsen Wirtschaftsideologie (Frankreich) und korruption und ineffizients des politischen Systems. Außerdem stehen diese Länder in Konkurrenz zu Asien und nicht zu Nordeuropa mit ihrer Produktpalette.

    5. Was ist an der Wertschätzung durch die Befragten schlechter als durch die von Instituten und Behörden??? Der Wert eines Gegenstandes ist niemals objektiv feststellbar, sondern höchstens ein Verhandlungsergebnis zwischen Käufer und Verkäufer. Genau dies ist auch das Problem bei allen Vermögenssteuern, weil es einfach keinen objektiven Preis gibt! Es jede Taxierung von Vermögen ist reine Willkür!

    6. ausländische Einwohner
    Ihr kritisiert, dass das Vermögen von Einwohnern mit fremden Pass einbezogen wurden. Ja, was denn sonst, wenn die dort wohnen und Teil der Wohnbevölkerung ausmachen??? Sollen wir in Deutschland auch alle Migranten herausrechnen? Würde zumindest das Vermögen der Deutschen massiv ansteigen lassen, da die Migranten diesen Wert natürlich stark nach unten korrigieren. Aber dann könnte man nicht mehr über die angeblich so schlimme Vermögensverteilung meckern…

  2. Eine kurze Erwiederung
    1–Ein Modernes Land hat sein Kapital nicht auf Bankkonten sondern in geordneten Austauschprozessen, motiviertem Fleiß, Genetationensolidarität und Rohstoffeffizienz. Daran arbeiten wir.

    2–Deshalb ist ja auch die Mehrheit (99%) der Leute in diesen Ländern nicht so wohlhabend wie die Studie suggeriert.
    Deshalb ist es ja auch viel besser über vereinbarte und zielgerichtete Steuergesetze die leistungslosen Einkommen aus den Blasenjahren, ihren Beitrag zur sie tragenden Gemeinschaft zu bringen, als über einen „Haircut“ wie in Zypern blind abzuschöpfen. Je länger wir mit Steuergerechtigkeit warten desto unlogischer werden Klassenkampfparolen.

    3–Beachten Sie auch die Formulierung in den „Nachdenkseiten.de“ Wenn Kinder trotz Erspartem, keinen einengen Haushalt gründen können (Immobilienpreise, Arbeitslosigkeit, Lebensangst) zeugt das von Armut und nicht von dem beschriebenen Reichtum in diesen Ländern.

    4–Der Euro zwingt nicht zur Verschwendung nur die neoliberale Ideologie, die durch Verschuldung Machtpositionen aufbauen will. Wenn wir bezwingende Produkte in die Märkte drücken, machen wir alle zu Schuldnern. Was Nützt da einem Griechen sein bewerteter Olivenhain um seine Ölrechnung zu bezahlen.

    5– Deshalb ist ja auch eine produzierende Fabrik bei uns mehr wert als ein gleich bewerteter Bauernhof in Spanien.
    Wenn Alle in einem Land (USA) gleichzeitig ihre Häuser verkaufen müssen purzeln die Preise. Deshalb stabilisiert eine Nachhaltige Wirtschaftspolitik auch die Preise. Und das hassen die Spekulanten.

    6– Es geht ja dabei um die Scheinfirmen und Schwarzgelder in Steuerparadiesen die deren unwirklichen Reichtum aufblähen.

    In jeder fruchtbringenden Diskussion gilt, wer keine Ideologie hat versteht nichts, wer eine hat sieht die Fehler des Gegners ganz klar. Warum schreien wir uns an und hören nicht aufeinander?

  3. Da gibt es erstmals halbwegs vergleichbare Daten und um seine Meinung nicht überdenken zu müssen, werden die Daten kritisiert. Kein Wunder, dass sich manche am Rechten Rand besser aufgehoben fühlen als bei den Grünen.

3Schreibe einen Kommentar

siebenundachtzig − achtzig =