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Kurzstudie: Hochzeit für Geldverbesserer


 

 

Immer mehr Fragen von Bürgerinnen und Bürgern erreichen uns zu grundlegenden Fragen der Geldordnung. Bürgerinitiativen fragen sich, ob eine grundlegende Geldreform nötig ist, um die Finanzmärkte stabiler zu machen. Vorschläge wie Vollgeld und Schwundgeld werden schon lange diskutiert. Doch durch die Finanzkrise hat die Diskussion neuen Schwung bekommen, selbst wenn die große Mehrheit der Ökonominnen und Ökonomen noch skeptisch ist. Daher habe ich eine Kurzsstudie in Auftrag gegeben. Thomas Fricke, langjähriger Chefökonom der Financial Times Deutschland und jetzt bei der European Climate Foundation, hat für mich einen spannenden Forschungsbericht geschrieben. Die Diskussion ist eröffnet.

 

  Fricke 2014 Kurzstudie cover

Für die Studie von Thomas Fricke bitte auf das Bild klicken.

 

25 Kommentare: “Kurzstudie: Hochzeit für Geldverbesserer

  1. Anmerkung von Tristan Abromeit
    vom 12. Mai 2014 zu:
    http://www.tristan-abromeit.de

    Hochzeit der Geldverbesserer
    von Thomas Fricke
    eine Kurzstudie im Auftrag von Sven Giegold MdEP erstellt
    30. April 20 / Homepage:
    http://www.sven-giegold.de/wp-content/uploads/2014/05/Fricke_2014_Hochzeit-f%C3%BCr-Geldverbesserer.pdf

    Werter Sven Giegold,

    es ist eine kluge Strategie zu Klärung strittiger Reformprogramme externe Stellungnahmen einzuholen. Auf diese Weise können Sie die eigene Offenheit demonstrieren, ohne gleich inhaltlich Partei ergreifen zu müssen. Zu klären gibt es alle mal viel im Sektor Ökonomie mit Bezug auf das Wesen und Wirken des Geldes. Die Fragen sind dabei nur, warum konnte bis her noch kein anderes Mitglied so einen Auftrag an einem externen Gutachter geben. Immerhin hat die Gründung der grünen Partei ihren Ausgangspunkt in den Geld- und Bodenreformern nach Gesell. Kann man hier noch die Unkenntnis der Zusammenhänge gelten lassen oder bei den marxistisch orientierten Parteifreunden eine Verteidigung des Monopols auf Analyse des Kapitalismus durch den Marxismus, so ist die auch von Thomas Fricke angesprochene Nichtbeachtung des Themenkomplexes durch die Wirtschaftswissenschaft, durch die Wirtschaftsforschungsinstitute und Gutachtergremien, die enorme Gelder verschlungen haben und weiter verschlingen, nicht zu verstehen und in der Konsequenz – milde ausgedrückt – als Verrat des wissenschaftlichen Ethos zu beurteilen. 1

    Es ehrt Thomas Fricke, dass er Ihren Auftrag angenommen hat und eine erste Übersicht bzw. ein Diskussionspapier geliefert hat. Es ist auch richtig am Beginn einer Prüfung von Geldreformvorschlägen keinen Ansatz auszuschließen. Eine genauere Prüfung von Geldreformvorschlägen bedingt aber, dass erst einmal eine klare Vorstellung von dem erarbeitet wird, was Geld ist und wie es (heute und nach einer Reform) im positiven und negativen Sinne wirkt bzw. wirken soll.

    Ich will mich nur kurz zum Free Banking, zum Vollgeld, zu den Bitcoins äußern und etwas mehr zum Freigeld, weil hier in Darstellung von Fricke Mängel zu verzeichnen sind.

    Free Banking: Die Freiheit ist gekoppelt mit dem Wettbewerb (ein Gegenmodell zur Zuteilung). Und wer das Prinzip Wettbewerb verstanden hat, fragt sich ganz selbstverständlich, warum der Wettbewerb im Währungsbereich seinen Segen nicht verteilen sollte. Es ist nicht auf Anhieb ersichtlich, das eine leistungsfähige Währung keine Ware oder keine Leistung ist, die durch einen Wettbewerb verbessert werden könnte. (Die schwachen werden verdrängt, die guten breiten sich aus, bis sie wiederum durch bessere verdrängt werden) Konkurrieren können Ideen von Währungen wie in der Arbeit von Fricke vorgestellt. Reale Währungen können auch konkurrieren für den Fall, dass sie verschiedenen Volkswirtschaften / bzw. Geltungsbereichen zuzuordnen sind. Es können hier Verfahren und Ergebnisse verglichen werden. Da aber Geld Ansprüche auf Güter, die aktuell im Markt sind, repräsentiert ist eine Konkurrenz von Währungen in einem Wirtschaftsraum, für den es gelten soll, nicht möglich. Es wäre in etwa so, als wenn für ein hinterlegtes Gut mehrere Hinterlegungsscheine herausgeben würden. Dann könnte der Inhaber nur eines Scheines bei der Einlösung zum Zuge kommen. Wer trotzdem mehrere Währungen in einer Volkswirtschaft installieren will, kann dies nur als Wahren-Währungen versuchen, das heißt jede Geldeinheit ist mit Wahren hinterlegt. Es ist aber nicht möglich, auf diese Weise ein stabiles Preisniveau zu erreichen und ein weiterer Nachteil wäre, eine Vielzahl von instabilen Wechselkursen würde den Güter- und Leistungsaustausch behindern.
    Die Free Banking-Befürworter werden auch motiviert durch die Abwehr einer inflationären reinen Papiergeldwährung. Sie übersehen dabei nur, dass es nicht an einer Papiergeldwährung an sich liegt, wenn sie instabil ist, sondern an ihrer Handhabung. Und letztlich wird auch nicht erkannt oder es wird übersehen, dass die Weimarer Republik an dem Festhalten am Wahn der Golddeckung zu Grunde gegangen ist. Es empfiehlt ich hier die Arbeit „Der Zusammenbruch der Goldwährung“ von Gustav Kassel, 1937, zu lesen oder in meinem zuletzt entstandenen Text 122.1 oder 122.2 ein längeres Zitat von Albert, um eine Vorstellung von dem damaligen währungspolitischen Wahnsinn zu bekommen. Aber die derzeitigen Generationen von Währungsexperten und -politikern setzen diesen Wahnsinn in anderer Weise fort.
    http://www.tristan-abromeit.de/pdf/122.1.Leserschsreiben.fuer.W.Journalisten.pdf

    Vollgeld: Über die Einführung des Vollgeldes könnte man dann ernsthaft nachdenken, wenn die Banken tatsächlich Geld schöpfen könnten. Man muss sich aber klar machen, dass die Möglichkeit der Geldschöpfung (Kreditschöpfung ist hier das Gleiche, weil es Verfügungsrechte über Geld sind.) durch die Banken einer Geldfälschung gleich käme, denn – ich wiederhole – Geld sind Ansprüche – Eigentumsansprüche auf unspezifische – Güter im Markt.) Die Behauptung Banken könnten Geld oder Kredit schöpfen, besagt nichts anderes, als das die Banken dem Markt Güter entnehmen oder Leistungen in Anspruch nehmen können ohne den Markt Gegenleistungen hinzufügen zu müssen. Die ganze Verwirrung rührt daher, dass mit Giralgeld (Buchgeld, kurzfristige Einlagen, kurzfristiges Kapital) also mit der Übertragung von Ansprüchen auf Geld bezahlt werden kann. Und dieser Wirrwarr wird sowohl von den Zentralbanken und den Wirtschaftswissenschaften gefördert. Die Geschäftsbanken haben es wegen der Ignoranz dieses Problemkomplexes verdient, dass sie unberechtigt an die Kandare genommen werden.

    In dem Buch von Karl Walker „Das Buchgeld – Ein Beitrag zur theoretischen Klärung“ 2von 1951 ist in dem Abschnitt > Der „Chicago-Plan“ – 100%ige Deckung des Buchgeldes … Dem Gedanken der 100%igen Deckung des Buchgeldes liegt die theoretische Verirrung zugrunde, daß die Übertragungsfähigkeit von Giroguthaben denselben Einfluß auf das Preisniveau einer Volkswirtschaft ausüben könne wie die Umlaufsfähigkeit des Bargeldes; aus diesen Gründen sei es notwendig, im selben Umfang, in dem man Giroguthaben als „bargeldlose Zahlungsmittel“ entstehen läßt, auf der anderen Seite Bargeld von der Zahlungsmittelfunktion auszuschließen. …

    … Für die Wirtschaft hat der erwogene Vorschlag die Wirkung, daß sie bei ihrem kurzfristigen Kreditbedarf von der Nutzung des in den Banken gehorteten echten Kapitalangebotes abgeschnitten wird. Woher nimmt aber die Wirtschaft das Bargeld für die Weiterarbeit, wenn eine Kapitalkategorie – die kurzfristigen Anlagen -‚ die ziffernmäßig das Vielfache des überhaupt vorhandenen Bargeldes ausmacht, grundsätzlich in Bargeld gehortet werden muß? Und woher nimmt die Wirtschaft den kurzfristigen Kredit, den sie immer benötigen wird, wenn diese echte Kreditgewährung, die Bereitstellung vorübergehend disponibler Zahlungsmittel in die Sackgasse der Bankkassenschränke geleitet wird? .. II. Werden Freigeld-Anhänger durch die aktuelle Krise nicht eher widerlegt als bestätigt? Für Anhänger der Freiwirtschaftslehre in Anlehnung an Silvio Gesell liegt ein
    Krisengrundübel per se in der Verzinsung von Geld – und das auf mehrerlei Art.
    Durch diese Verzinsung komme zum einen seinen Besitzern eine sozusagen
    leistungsfreie Rendite zu, deren Legitimation zu bezweifeln sei. Zum anderen
    animiere die Verzinsung dazu, Geld zu horten, statt es auszugeben. Zum dritten,
    so eine modernere Kritik, erzeuge die Verzinsung geradezu einen Zwang,
    wirtschaftlich zu wachsen – weil jeder Kreditnehmer ja nicht nur das geliehene
    Geld zurückzuzahlen habe, sondern auch noch dafür sorgen müsse, darüber
    hinaus Geld zu erwirtschaften, um die Zinsen auf den Kredit zu begleichen.

    In Ableitung aus alledem schlug Gesell eine Art Negativzins vor: eine Gebühr,
    die de facto zur automatischen schleichenden Entwertung des Geldes führt um
    damit das Geldverdienen im Schlaf zu verhindern und die Geldhalter zum
    möglichst schnellen Ausgeben des Geldes zu veranlassen. Oft zitiert wird hier das
    Wörgl-Experiment, bei dem Anfang der 30er-Jahre in dem österreichischen Ort
    einmal so ein Negativzins erprobt wurde, was nach gängigem Befund tatsächlich
    zu einer Belebung der Wirtschaft geführt hat. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit< oder der Inhalt der allgemeinen Menschenrechte realisiert werden können. Diesen Satz wird man bei Gesell so nicht wörtlich finden, aber das drückt er in vielen Varianten so aus. Dabei kenne ich keinen Menschen – bis auf den Herausgeber der Gesammelten Werke, Werner Onken – , der sein Werk ganz gelesen hat. Gesell ist für jene Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema Freiwirtschaft oder der Natürlichen Wirtschaftsordnung (NWO) auseinandergesetzt haben, auch nur der Stichwortgeber. Die NWO ist kein Glaubensbekenntnis, sondern die Beschreibung ökonomischer Probleme und ihrer Überwindung. Die NWO als Modell ist eine Entscheidung für die und Verbesserung der Marktwirtschaft und keine Werbung für Zentralverwaltungswirtschaft, was offensichtlich durch Verdrehungen von Inhalten und Verleumdung von Personen den marktwirtschaftlich orientierten Kapitalismuskritikern von Links und Rechts übel genommen wird.

    Die ökonomischen Themen die jeweils im Ablauf der Geschichte der Freiwirtschaftsschule aufgegriffen wurden, wurden von den Neigungen und ideellen Interessen der nebenberuflichen Ökonomen und den aktuellen Zeitproblemen bestimmt. Bei Gesell und jenen Menschen, die sich seinem Anliegen zugeordnet haben, stand doch die Frage im Vordergrund , was sind die Störfaktoren, die das Versprechen der Marktwirtschaft „Wohlstand für alle!“ (Ludwig Erhard) in Freiheit (muss ich hinzufügen) nicht zur Einlösung bringen. Eindeutig wurde dabei das Bodenrecht als eine solche Quelle identifiziert, aber auch das Geld in seiner heutigen – durchaus verschiedenartigen – Verfassung. Aus meiner Sicht, kann man durchaus sagen, dass Keynes und Friedman im ideellen Sinne im Fahrwasser von Gesell geschwommen sind, aber dadurch, dass sie ein eigenes erzeugen wollten, haben sie ihre Schüler auf problematische Kurse gebracht und somit ihre eigenen Anliegen einen schlechten Dienst erwiesen.

    Die heutige Währungsordnung und das Bodenrecht werden nicht als die einzigen Störfaktoren einer funktionierenden Marktwirtschaft angesehen, 4 aber sie sind die Hauptprobleme. Und die Währungsverfassung hat eben viel mit der Chancengleichheit, Arbeitslosigkeit, Einkommensverteilung, Konjunktur und auch mit dem Wachstumsdruck 5, unter dem die ökologischen Belange leiden, zu tun.

    Der Zins (für das Geldkapital) und die Rendite (für das Realkapital) 6 haben mit alledem zu tun. Und wenn heute das Thema Zins in der Hauptsache mit der Freiwirtschaftsschule in Verbindung gebracht wird, dann hat das auch mit der hervorragenden Arbeit von Helmut Creutz – ein Grüner der ersten Stunde – zu tun. Er hat in unermüdlicher Arbeit die Wirkungen des Zinses mit Hilfe von Grafiken verdeutlicht.

    Die Erkenntniskette setzt aber vorher schon an:

    a) Die Geldprobleme haben ein biblisches Alter 7

    b) Ohne Geld ist eine heute erforderliche Arbeitsteilung nicht machbar.

    c) Für ein rationales, kalkulierbares wirtschaftliches Handeln und für die
    Rechtssicherheit ist ein Geld ohne Inflation und Deflation erforderlich.

    d) Um zu einem stabilen Geld bzw. zur Preisniveaustabilität zu kommen, ist
    erforderlich zu erkennen, dass das Geld seinen Wert durch seine Funktion
    und seine Mengenbeschränkung im Verhältnis zu den Gütern, die es
    tauschen soll, erhält und nicht durch einen „inneren Wert“ z.B. in Form von
    Gold oder einer Golddeckung)

    e) Für die Preisniveaustabilität und die Aufrechterhaltung der Vollbeschäfti­-
    gung ist aber wichtig, dass das von der Noten- oder Zentralbank heraus-
    gegebene Geld kontiunierlich voll umläuft. (Nur so kann das Saysche
    Theorem, dass die Produktion die eigenen Nachfrage schafft,seine
    Gültigkeit erhalten.) Die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel
    steht dem diametral entgegen.

    f) Im Markt ist das heutige Geld der Ware überlegen, weil es auch bei der von
    der EZB angestrebten Inflationsrate von 2 % noch einen geringeren Verlust
    hat als die Waren durch Lagerkosten, Verderb, Veraltung, und Schrumpf.

    g) Die Folge ist, dass das Geld einen Ausgleich für den Vorteil – den es beim
    Eintausch von Gütern aufgibt – erpressen kann. Dieser Ausgleich trägt den
    Namen Zins.

    h) Der Zins hat nun unangenehme und scheinbar auch widersprechende
    Eigenschaften.

    1. Er überträgt Einkommen aus leeren Kassen mit Bedarf auf volle Kassen
    ohne Bedarf (D.Suhr). Die Belastung der Nettoeinkommen durch die
    Zinsen, die über die Kalkulation in die Preise eingehen betragen
    inzwischen 30 bis 40%, mit steigender Tendenz. (H. Creutz)

    2. Ist der Zins im Markt aufgrund von reichlicher Kapitalbildung zu niedrig,
    gerät es in die Liquiditätsfalle (Keynes). Die Folge ist Reduzierung des
    Geldes im Geldkreislauf mit der Folge des Konjunktur Einbruchs, weil
    die Märkte nicht mehr geräumt werden.

    3. Sinkt der Zins dauerhaft unter 5 bis 4 Prozent geht das Geld nicht nur in
    die Horte, in die Liquiditätsfalle, sondern es hat auch die Folge, das die
    nachfragewirksame Geldmenge nicht mehr von der Zentralbank gesteuert
    werden kann.

    4. Ist der Zins zu hoch, ist er ein Investitionshemmnis, weil die Realwirt-
    schaft die Zinskosten über die Güterpreise wieder hereinholen müssen,
    was bei einer lahmenden Konjunktur mit gesättigten Märkten häufig
    unmöglich ist.

    i) Die Freiwirtschaftsschule denkt aber nicht daran den Zins zu verbieten, denn
    sie erkennt die Preisfunktion des Zinses für die Überlassung von Liquidität
    an. Sie will den Schlagbaum, der in Form eines Mindestzinses vor der Voll-
    beschäftigung und der funktionsgerechten Handhabung des Geldes durch
    die Notenbank steht, abbauen. Das Geld soll sich bei jedem Stand der
    Kapitalbildung und bei in jeder Lage Konjunktur als Tauschvermittler zur
    Verfügung stellen, dass heißt Kredite werden nicht nur bei einem Zins über
    4% vermittelt, sondern auch dann noch, wenn der Markt aufgrund eines
    steigenden Kapitalangebotes einen Zins mit einem Minus als Vorzeichen
    signalisiert.

    j) Erreicht werden soll das nicht – wie häufig behauptet wird – mit einer
    Inflationierung der Währung – das würde ja gegen eigene Zielsetzung der
    Preisniveaustabilität verstoßen – sondern durch die Belastung des
    (Bar-)Geldes mit einer Umlaufsicherungsgebühr. Das Geld wird dabei als ein
    öffentliches Verkehrsmittel betrachtet bei der eine Nutzungsgebühr für den
    sachgerechten Gebrauch sorgt. Die Standgebühr für Waggons bei den
    Eisenbahnen haben eine gleiche Funktion.

    k) Die Wertaufbewahrung erfolgt dann nicht über das Horten von Geld,
    sondern über das Sparen, bei der das Geld über den Kreditweg wieder in den
    Umlauf kommt. Hier wird auch deutlich, dass das Sparen (z. B. in Form von
    Forderung gegenüber einer Bank, Privatperson oder durch Erwerb von
    zeitlich begrenztem Eigentumsanteil an Unternehmen oder gemeinnützigen
    Einrichtungen) der einen nicht ohne das Verschulden der anderen geht. Die
    Probleme der Verschuldung stecken in dem Zinssatz und in der Konzentra-
    tion der Vermögen und der extremen Ungleichverteilung der Einkommen.

    Ich hoffe, dass ich den Sachverhalt einigermaßen richtig und verständlich dargestellt habe. TA

    Mit freundlichen Grüßen

    Tristan Abromeit

  2. Mir fehlt in dem Papier die eigentliche Analyse.

    Bei Licht betrachtet ist aber auch schon die Frage falsch. Statt zu fragen, worin die Krise besteht, sollten wir mal fragen, ob wir überhaupt eine Krise haben.

    Unser Problem besteht seit etwa 40 Jahren ganz genau darin, daß wir recht lange keine großen Kriege in Europa hatten – infolgedessen haben wir kein zerstörungsbedingtes Aufholwachstum.

    Statt nun endlich damit umzugehen, wollen wir eine Gesellschaft von einer „Bedarfsdeckungsgesellschaft“ in eine „Bedarfsweckungsgesellschaft“ verwandeln und hoffen dauernd, unsere Überproduktion irgendwo loszuwerden.

    Gleichzeitig haben wir in Deutschland eine kollektive Panik vor Inflation, die auch dadurch geschürt wird, daß wir seit 20 Jahren sinkende Reallöhne haben – ebenso haben wir die Rente zerstört. D.h. die Menschen haben das Gefühl für ihr Geld immer weniger kaufen zu können und wissen nicht, wovon sie im Alter leben.

    Um dies auszugleichen, flüchten Menschen in Finazspekulationen – die Finanz- und Realvermögen driften immer weiter auseinander.

    Wir müssen endlcih lernen, daß Inflation NÖTIG ist und daß Wachstum und Inflation das gleiche sind – und nicht Wachstum ein Anstieg der Transaktionszahl ist bei Beibehaltung des Preisniveaus.

    Wir haben keine Krise – wir haben ein wunderbar funktionierendes Wirtschaftssystem, das funktioniert wie ein Computer mit irgend einem Benutzer: Problem exists between keyboard and chair. Die Pappnse vor dem Rechner macht einen Bedienfehler nach dem anderen – und es geht nichts mehr. In der Wirtschaft besteht diese Pappnase aus einer Horde monetaristischer Vollidioten, die unser Wrtschaftssystem nicht begriffen haben, und nun irgendwo bei einer, sagen wir mal, EZB-Bilanzsumme von meinethalben 2 Bio. Euro (wären es wenigstens 2.1 Bio. Euro könnte man die Zahl „Merkel-Schäuble-Konstante“ nennen, das wäre wieder mal nobelpreisverdächtig) auf das schmale Brett kommen, jetzt dürfte die Bilanzsumme nicht mehr wachsen und wir müssten Schulden zurückzahlen.

    Das ist keine Krise. Das ist Merkel am Steuer eines Trabis, dem sie mit Fleiß gegen die Wand fährt bis es knallt.

    Das ist weder ein Problem des Trabis noch der Wamd noch des Systems, in der EDV würde man sagen: Problem exists betweem Keyboard and Chair. Das Problem existiert zwischen Lenkrad und Fahrersitz.

    Detlef Bosau

  3. Auch nach der Lektüre des sicherlich lesenswerten Papiers bin ich nicht wirklich klüger. Bretton Woods wurde doch seinerzeit kritisiert, weil das System der festen Wechselkurse mit dem Dollar als Ankerwährung das Defizit der USA internationalisierte und es keinen Mechanismus für Zahlungsbilanzungleichgewichte gab.
    Dafür bietet das Papier keine Lösung – oder ich hab sie überlesen…

  4. Was auf jeden Fall benötigt wird – und zwar europaweit; oder noch besser weltweit – ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen!

    Das wird bei Grünens nach wie vor viel zu stiefmütterlich behandelt – es gibt zwar einige namhafte VertreterInnen, aber man hält sich in der öffentlichen Diskussion geflissentlich bedeckt (obwohl beispielsweise der zu erwartende ökologische Impetus grünen Idealen mehr als nur entspricht).

    Eine Kombination aus beidem: BGE UND Vollgeld (mit am Menschen geschöpftem Geld, statt durch Kredite, wie derzeit gängig) findet sich unter http://www.bge-kreise.de. Ein Gastzugang ermöglicht den Einblick. Für darüber hinaus gehende Fragen, stehe ich gerne zur Verfügung (oder man schreibt Dirk Schumacher, der die Anwendung gecodet hat und Kassenwart in unserer Bürger-Ini ist).

    Felix Coeln
    Vorstandsmitglied der Kölner Initiative Grundeinkommen e.V.

  5. Lieber Herr Giegold,
    als unvoreingenommen und damit annähernd wissenschaftlich kann diese Bestandsaufnahme wohl nicht durchgehen, angesichts der Unzahl an suggestiven, rhetorischen Fragen, die zum Teil sogar mit – ebenso suggestiven – rhetorischen Fragen beantwortet werden. So wie auf Seite 13 f, wo die 23 Wörter schwere Frage: „Was ist, wenn bei derart zentraler Geldversorgung die nötige Freiheit des Kreditgeschäfts so stark beeinträchtigt würde, dass es zur Bremse gesamtwirtschaftliche Dynamik wird?“, beantwortet wird mit der 38 Wörter schweren Frage: „Gibt es dann möglicherweise nennenswerte Wohlfahrtsverluste, die dem unsicheren Nutzen von Vollgeld insofern entgegenzustellen wären, dass gar nicht klar ist, ob die neue Geldordnung wirklich zu einer deutlichen Reduzierung der vermeintlich inhärenten Instabilität an den Finanzmärkten führen würde?“ (Im Original fehlt das zweite Fragezeichen.) Diese beiden Fragen sind so vollgestopft mit impliziten Behauptungen, dass man gar nicht weiß, wo man mit einer Antwort anfangen soll.
    Auf Seite 10 kommt eine Batterie von 14 solcher Fragen, die angeblich beantwortet sein müssen, bevor man dem Vollgeldvorschlag näher treten und ihn dann mit einem 15. Argument wegwischen kann, nämlich der instabilen Geldnachfrage. Das ist ein Konzept, dass beim Vollgeld aus gutem Grund nicht vorkommt. Die 14 Fragen, auf die Fricke selbst keine Antwort versucht sind entweder böswillig, wie die Frage „Stimmt die Kostenrechnung?“, oder er unterschlägt die Antworten der „Vollgeld-Apostel“, wie er sie nicht ganz unvoreingenommen nennt. „Wer schafft das Geld wie in die Wirtschaft?“, fragt er etwa, so als ob die Vollgeld-Apostel sich nicht den Mund fusselig reden und die Finger wund schreiben würden, das zu erklären.
    Aber womöglich hat Fricke es nicht verstanden. Sonst würde er vielleicht nicht auf die Idee kommen in einem Vollgeldsystem würde die Zentralbank die Zinsen anheben, wenn die Geldhalter kalte Füße bekommen und mehr Geld auf ihren Transaktionskonten liquide zwischenlagern wollen (Seite 11). Im Vollgeld-System ändert das am Giralgeldvolumen nichts, es wechselt nur den Besitzer. Das Volumen ist durch die Zentralbank vorgegeben. Nur im jetzigen, fraktionalen Geldsystem ändert sich das Geldvolumen mit der Kreditvergabe.
    Um die suggestive Fragetechnik des Autors zu übernehmen: Ist es nur schlampige Ausdrucksweise, wenn er auf Seite 5 schreibt, dass Banken aus immer weniger eigenen Mitteln Kredite geschöpft haben, oder zeugt es davon, dass er die Wirkungsweise unseres Geldsystems womöglich nicht versteht? Banken schaffen jedenfalls keine Kredite „aus eigenen Mitteln“. Sie machen Kredite, indem sie dem Kreditnehmer ein Guthaben auf einem Girokonto gutschreiben.
    Es fällt auf, dass Fricke Vollgeld, also Geld, das auf Transaktionskonten Eigentum der Kontoinhaber und nicht Forderung an eine Bank ist, als eine äußerst radikale und daher gefährliche, mit unwägbaren Umsetzungsproblemen behafteter Systemwechsel betrachtet., während er gleichzeitig als Alternativen vorschlägt: unbegrenzte Einlagensicherung durch den Staat, oder Rückkehr zu einem System weltweit staatlich festgelegter Wechselkurse, und/oder Anhebung der Kapitalanforderungen an die Banken auf etwa das Vierfache der mit Basel III schon erhöhten Werte.
    Wenn man an diese angeblich weniger radikalen Alternativvorschläge die gleichen Anforderungen stellte, die Fricke an das Vollgeld stellt, wie würden sie wohl abschneiden. Wenn sie allein die Finanzstabilität sichern müssten, sowie keine größeren Nebenwirkungen haben dürften und diese exakt vorher abschätzbar sein müssten, würden sie den Fricke-Test bestehen? Aber diese differenzielle Analyse vermeidet er tunlichst. Dabei erwähnt er sogar, dass z.B. Vollgeld-Apostel Joseph Huber gar nicht behauptet, mit seinem Vorschlag alle (monetären) Probleme dieser Welt lösen zu können. Aber er tut dies triumphierend, mit der Floskel: „Sogar Huber räumt ein …“. Er zitiert auch Huber wenn dieser sagt, dass man die Reform nicht auf einen Schlag umsetzen sollte. Aber mit Möglichkeiten, der allmählichen Einführung (graduelle Anhebung der Mindestreserve) mit der man ebenso allmählich auf Nebenwirkungen reagieren und diese ausgleichen kann, hält sich Fricke gar nicht erst auf.
    Auf Seite 12 stellt Fricke beim Vollgeld suggestiv die Frage, ob es nicht womöglich besser wäre, wenn dezentrale Banken selbst über die Kreditdynamik entscheiden, als wenn das eine Irrtums-anfällige staatliche Instanz tut. Wie ist das bei der von Fricke gutgeheißenen Vervielfachung der Kapitalanforderungen. Ist das so schlau, wenn doch die Banken womöglich besser wissen, wie viel Verschuldung in ihrem Interesse und im Interesse der Volkswirtschaft ist?
    Das sind nur die einige der gröbsten Ungereimtheiten in dem Papier. Alle Suggestivfragen in konkrete, diskutierbare Aussagen zu zerlegen und zu beantworten, würde aber schlicht zu viel Aufwand erfordern.
    Mit freundlichen Grüßen
    Norbert Häring

  6. Was mir etwas fehlt, ist erst einmal das grundlegende Statement, dass Geld eine gesellschaftliche Vereinbarung ist und kein Naturphänomen. Geld ist sozusagen Glaubenssache, deshalb spielen psychologische Aspekte und solche der gesellschaftlichen Legitimation von Geld in allen Fragen des Geldsystems eine gravierende Rolle, was z.B. für die Erklärung des „Wunders von Wörgl“ m.E. der wichtigste, und doch ein zumeist komplett ignorierter Aspekt ist.

    In Bezug auf Vollgeld und 100%-Geld möchte ich darauf hinweisen, dass wir es nach Joseph Huber in allen Reservesystemen mit einer nachlaufenden Finanzierung der Geschäftsbanken durch die Notenbanken zu tun haben. Daher würde 100%-Geld nach wie vor die Initiative bei den Geschäftsbanken lassen, denen die Notenbanken niemals die nachgefragten Mittel verweigern. Das Argument ist ziemlich logisch und bedeutet, dass 100% Reserve für die heutige Prozyklizität des Systems überhaupt keine Lösung wäre.

    Meines Erachtens wird das Vollgeld zu recht dafür kritisiert, dass dort die Entscheidungsgewalt in die Hände von sehr wenigen Menschen gelegt wird, die auch Fehler machen könnten, potentiell korrumpierbar sind etc.
    Helge Peukert hat daher vorgeschlagen, die Geldschöpfung direkt in die Hände des Souveräns zu legen. Geldschöpfung per Referendum in regelmäßigen Abständen. Das halte ich für sehr sinnvoll, weil Geld, wie gesagt, sowieso im Kern einfach eine gesellschaftliche Vereinbarung ist.
    Ich denke außerdem, dass man das Thema Geldschöpfung nicht abgetrennt von der Frage der Geld- bzw. Vermögensverteilung behandeln kann. Es macht eben – gerade auch für die beschriebenen Entwicklungen der Märkte, Blasenbildung etc. – einen großen Unterschied, wer konkret über die Verwendung des (ggf. neu geschaffenen) Geldes bestimmt. Deshalb ist die erwähnte Ausgabe neu geschaffenen Geldes als Bürgerdividende (oder wie man es nennen will) m.E. sehr sinnvoll.

    Was die Frage nach kleinen bzw. schrittweisen Veränderung im System angeht, schlage ich aus bürgerrechtlicher bzw. aus der Sicht des Verbraucherschutzes ein Recht eines jeden Bürgers/Einwohners auf ein Zentralbankkonto vor. Das könnte irgendwann in ein Vollgeldsystem münden – oder auch nicht. Die Geldschöpfung der Geschäftsbanken bräuchte man nicht zu verbieten, diesen nur alle staatlichen Garantien entziehen. Und die Menschen, um die es uns ja eigentlich gehen sollte, könnten selbst entscheiden, ob sie ihren Zahlungsverkehr mit staatlichem oder mit privatem Geld abwickeln wollen.

    Übrigens gibt es noch ein Argument gegen den Goldstandard. Und zwar auch gegen den faktisch bereits bestehenden: Es ist die immense Umweltzerstörung, die die Wühlerei nach dem Zeug mit sich bringt, obwohl dieses Edelmetall letztlich eben auch nur aufgrund einer impliziten gesellschaftlichen Vereinbarung einen Wert hat. (siehe z.B. http://www.sueddeutsche.de/wissen/goldsucher-in-peru-wie-die-finanzkrise-den-regenwald-zerstoert-1.1806318)

  7. Leider fehlt: Unterscheidung zwischen produktiver und spekulativer Kreditvergabe,
    außerdem Aktiv- und Passivgeschäft der Banken nicht erläutert(Vergabe von Krediten oder Erwerb von spekulativen(?) Aktiva, Unterscheidung zwischen Einlagen und Zentralbank-Krediten, Eigenmittel…auf der Pasivseite sowie letztlich Folgen der Deregulierung – bis hin zu neuer rechnungslegung/ Heraufschreiben von aktiva..

  8. In dem Papier von Herrn Fricke (insbesondere bei der Diskussion des Vollgelds) bzw. in der Vollgeldtheorie geht es m.E. zu sehr um die Vermeidung von Turbulenzen an den Finanzmärkten mit entsprechenden Folgen für die Realmärkte. Ich denke, man sollte die Diskussion zunächst reduzieren. Wenn die Banken Zinsgewinne einstreichen (25-fach auch noch, da nur 4% Sicherungseinlage) und dafür logischerweise die höchsten Renditen suchen (Umwelt- und Sozialdumping als Folgen) dann verdienen sie Geld mit Geld, das ihnen gar nicht gehört bzw. das es eigentlich nicht gibt. Wir sehen also einen pathologisch reichen Finanzsektor und verschuldete Volkswirtschaften (auch noch aus anderen Gründen). Wichtig wäre, das Prinzip zu stärken, dass die Finanzwirtschaft Dienstleister der Realwirtschaft zu sein hat. Eine Möglichkeit (als kleiner Teil der Vollgeldidee), die Zinsgewinne wieder der Zentralbank zuzuführen, die der eigentliche Eigentümer ist und die gibt sie an die Staaten weiter, die noch eigentlicher Eigentümer sind, welche in sozial sinnvolle Kanäle geben, so dass es so direkt wie möglich dem Bürger zugute kommt, der der eigentlichste Eigentümer (dieser Zinsgewinne) ist. Die Banken dürften dann gestaffelt (nach Kreditausfallrisiko) und kartellrechtlich gut kontrolliert Gebühren erheben. Imerhin sind sie als Dienstleister tätig, der Geld sicher einlegt und verteilt.

    Es ist m.E. nur schwer möglich, aus der Theorie heraus ein komplett neues funktionsfähiges Geldsystem zu schaffen. Man sollte vielleicht eher Regeln einführen, die den eigentlichen Prinzipien dienen, die das Wirtschaften lenken sollten (Gemeinwohl…)
    Ich finde es super, dass sich jemand wie du, Sven Giegold, daran machst, diese Diskussion zu beleben und mit Intelligenz zu unterfüttern.

    Liebe Grüße aus Berlin
    Thomas Brian

  9. In der Tat lesenswert. Danke, Sven!
    Fürchte nur, dass gute Fragen weniger beliebt sind als schlechte Antworten, zumal wenn erstere komplex und letztere einfacher und scheinbar logisch in sich geschlossen daherkommen. Die Tollwut der Finanzmärkte wird wohl kaum gebändigt werden indem die berüchtigte schwäbische Hausfrau und der Herr im Schottenrock die ökologische Innovationsfähigkeit gleich mit abwürgen.
    Viele Grüße aus Schaumburg,
    Thomas

  10. Sehr geehrter Herr Giegold,

    Hier der Anfang unserer Stellungnahme zu der von Ihnen beauftragten „Kurzstudie“. Ich hoffe das trägt zum besseren Verständnis der Vollgeldreform und zur Aufklärung der zahlreichen Missverständnisse seitens des Autoren Thomas Fricke bei.
    Die gesamte detaillierte Stellungnahme der Monetative e.V. finden Sie hier:
    http://static.squarespace.com/static/513a1e6be4b01b4441c7cdc0/t/5374b6a3e4b02899e91f8de6/1400157859541/Monetative%20Stellungnahme%20zu%20Papier%20Fricke%20Giegold%2015.5..pdf

    Mit freundlichen Grüssen

    Christian Schantz – Vorstand Monetative e.V.

    STELLUNGNAHME ZUM PAPIER
    „Hochzeit für Geldverbesserer“
    Im April 2014 wurde von Sven Giegold, GRÜNE im Europaparlament ein Papier
    zu grundlegenden Geldreformvorschlägen mit dem Titel „Hochzeit für
    Geldverbesserer“ veröffentlicht. Verfasser ist der von Sven Giegold beauftragte
    Wirtschaftsjournalist Thomas Fricke.

    Dort wird unter Punkt 3 auch die „Alternative Vollgeld“ behandelt. Grundsätzlich begrüßen wir es, dass sich ein Europaabgeordneter mit dem Vollgeld-Konzept inhaltlich auseinandersetzen will und dazu eine Studie in Auftrag gibt. Allerdings enthält die oben genannte „Kurzstudie“ Aussagen über das Konzept des Vollgeldsystems, die weder zutreffen noch mit irgendwelchen Quellenangaben unterlegt sind. Wir sind gerne bereit,
    mit Sven Giegold und auch anderen Politikern in eine fundierte Diskussion über das Vollgeldsystem einzutreten. Das sollte aber auf der Basis unserer tatsächlichen Vorschläge
    geschehen und nicht auf der Basis von Vermutungen/Missverständnissen. Die
    vorliegende „Kurzstudie“ ist eine Mischung aus solchen Vermutungen/Missverständnissen, aber auch ernstzunehmenden Argumenten.
    Zur Klarstellung deswegen kurz die drei Kernpunkte einer Vollgeldreform:

    – den Geschäftsbanken wird die Möglichkeit der Geldschöpfung über Kredite
    und Bankeninvestments entzogen. Dies geschieht dadurch, dass Giralgeld zu
    gesetzlichem Zahlungsmittel erklärt und aus den Bankbilanzen ausgegliedert wird.

    -nur noch eine im Rahmen der Gewaltenteilung unabhängig gestellte öffentliche
    Institution (die Monetative) hat die Kompetenz der Geldschöpfung. Die Monetative kontrolliert nicht die Darlehensvergabe aus bereits bestehendem Geld, das ist die originäre Aufgabe der Banken.

    -neu geschöpftes Geld kommt ohne Verschuldung über staatliche Ausgaben in Umlauf.

  11. Kommentar zu „Hochzeit für Geldverbesserer“

    Mir erschiene es sinnvoll, in diesem Zusammenhang an Hayek zu erinnern, der auf die „..Grundtatsache der unvermeidlichen Unkenntnis des Menschen von einem Großteil dessen, worauf das Funktionieren einer Zivilisation beruht…“ (Die Verfassung der Freiheit, S. 30) verwiesen hat. Er stellte heraus, dass die gesellschaftlichen Institutionen in aller Regel kein Ergebnis klarer, vorgefasster rationaler Pläne sind, sondern Resultat eines Herumprobierens mit kleineren und größeren Änderungen, eines evolutionären Prozesses, bei dem erfolgreiche Veränderungen überlebten, auch wenn die Menschen nicht unbedingt verstanden, worauf genau die Funktionalität dieser Veränderungen beruht. Wenn diese Einsicht ernst genommen wird, muss sie zu großem Misstrauen gegenüber allen in rationalistischer Manier vorgetragenen großen Entwürfen der institutionellen Umgestaltung führen, und legt eher das „piecemeal social engineering“ Poppers nahe, das mit dem eigenen Irrtum und Unverständnis rechnet. Dennoch liegt es natürlich in Krisenzeiten nahe, auch sehr grundsätzliche Fragen und Forderungen zu stellen.

    Der vorliegende Text hat viele wichtige und richtige Fragen und Einwände gegenüber den Radikalvorschlägen zur Geldordnung formuliert. Zum Vorschlag eines 100%-Geldes möchte ich ergänzen, was Kindleberger (Manias, Panics, and Crashes, S. 85f) zum Konzept von Henry Simon geschrieben hat. Er meint, selbst wenn das verfolgte Ziel wünschenswert sei, woran es große Zweifel gäbe, so sei es doch nicht umsetzbar, sei utopisch. Denn Simon musste etwa auch vorsehen, alle möglichen Formen von Geschäftskredit einzuschränken, um die erstrebte Kontrolle über die Kreditvergabe zu gewinnen. Das ist der entscheidende Punkt: Die Vorstellung, dass die Geldschöpfung völlig in der Hand des Staates liegen sollte, verkennt die Tatsache, dass Geld nicht nur von Banken, sondern in Form von Kredit jederzeit auch von privaten Wirtschaftsakteuren geschaffen werden kann. Würde der Bankkredit engen Restriktionen unterworfen, würde sich die Kreditschöpfung andere Wege suchen, die zu unterbinden schwierig werden dürfte. Die Zentralbanken sind als wichtige Innovation entstanden, um die vorher rein private Kreditvergabe besser steuern und absichern zu können. Es ist sehr zweifelhaft, ob eine weitergehende Verstaatlichung des Kredits in der Marktwirtschaft praktikabel wäre.

    Wenn man angesichts der Krise über weitreichende Reformen nachdenkt, sollte man sich zunächst einmal mit der Plausibilität der vorliegenden Ursachendiagnosen beschäftigen. In dem Papier kommt aber genau die Diagnose überhaupt nicht vor, die ich für die wichtigste halte: nämlich die vom „global saving glut“ (Ben Bernanke), dem Übermaß globaler Ersparnisbildung, verbunden mit starken Ungleichgewichten bei den Leistungsbilanzen.

    Es wurde in der Tat viel Aufhebens von der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken gemacht. Aber warum es zu dieser kam, ist doch gar keine Frage. Nämlich aufgrund von wirtschaftlichen Krisen und Arbeitslosigkeit, verbunden mit der Befürchtung, die Wirtschaft könne in eine anhaltende deflationäre Negativspirale geraten. Man lese hierzu etwas R. Rayan (Faultlines), heute selbst Chef der indischen Zentralbank, der sehr genau geschildert hat, unter welchem Druck die amerikanische Zentralbank angesichts des völlig unzureichenden sozialen Sicherungssystems steht, Arbeitslosigkeit mit aller Macht zu bekämpfen. Und erinnert sich noch jemand an die düstere Lage in Deutschland nach der Jahrtausendwende? Natürlich konnte die EZB ihre Geldpolitik nicht nur nach der zu lockeren Kreditvergabe in der europäischen Peripherie richten, in der nach der Euroeinführung die plötzlich stark gesunkenen Zinsen zum Geldausgeben verlockten.
    Die den Finanzmärkten inhärente Instabilität im Sinne von Minsky hat sicher eine wichtige krisenverstärkende Wirkung gehabt. Deregulierung hat es Banken und Hedgefonds erlaubt, mit völlig unzureichendem Eigenkapital das große Rad zu drehen, was in der Krise sofort zu massiven Problemen führen musste. Die Vergabe hochriskanter bis krimineller Kredite wurde durch ihre verbriefte Weitergabe in globalen Finanzierungsketten befördert. Allerdings vergeben Banken und andere Finanzinstitutionen in der Regel lieber Kredite an Kreditnehmer mit guter als mit schlechter Risikobewertung. Zu fragen ist also, warum überhaupt so viel Kredit an schlechte Risiken floss. Gut, die steigenden Vermögenswerte schienen manche Risiken auszugleichen und die langen Kreditketten verschleierten sie. Aber das erklärt bei weitem nicht das ganze Ausmaß an Risikokrediten, die vergeben wurden. Vielmehr war es der Mangel guter Kreditnehmer für die Menge des anlagesuchenden Kapitals, der immer stärker in hochriskante Anlagemöglichkeiten trieb. So wurden etwa in den USA erst in der Phase kurz vor Einsetzen der Krise, als die Zinsen bereits wieder erhöht worden waren und viele der normalen Kreditnehmer sich zurückzuhalten begannen, besonders viele Subprime-Kredite vergeben: weil weiterhin enorme Mengen von Finanzkapital aus Europa hereinströmte, das nach Anlagemöglichkeiten suchte, fanden die Finanzinstitutionen natürlich einem Weg, das Geld irgendwie unterzubringen, das ist ja ihr Geschäft. Und es wurde übrigens auch massiv politisch Druck ausgeübt, um das Geschäft mit Subprime-Krediten vor möglichen Regulierungen zu schützen.

    Auf Seite 15 stellt das Papier eine entscheidende Frage, ohne eine überzeugende Antwort zu bieten: Warum hat denn der Kreditboom nicht zu Inflation geführt, sondern nur zu Inflation bei Vermögenswerten? Das passt nicht zur Instabilitäts-These von Minsky oder der Behauptung einer zu lockeren Geldpolitik als Ursache der Krise. Die Antwort kann nicht gegeben werden, wenn man bei der Diagnose immer nur die Finanzmärkte im Blick hat. Die Kreditschöpfung hat sehr wohl die Realwirtschaft angetrieben, die weltweit betrachtet die höchsten Wachstumsraten seit der Nachkriegszeit aufwies. Aber die realwirtschaftlichen Effekte waren vor allem in China und anderen Schwellenländern zu verzeichnen. Deren Wirtschaft wurde von der Kreditvergabe in Europa und den USA angetrieben, während die heimische Wirtschaft selbst auf dem Höhepunkt des Kreditbooms gerade mal einigermaßen zur Auslastung ihrer Kapazitäten tendierte. Da in China der Konsum extrem hinter der Wirtschaftskapazität hinterherhinkte, während enorme Ersparnisse gebildet wurden, hatte sich das Land mit immer höheren Exportüberschüssen aus dem Dilemma unzureichender Binnennachfrage zu ziehen versucht. Eine auf freien Welthandel fixierte Politik hat das zugelassen. Die Deutschen verfolgten ja eine ähnliche Strategie, was eine europäische Antwort blockierte, während die Amerikaner mit ihren Versuchen, die Chinesen zu Währungsaufwertung zu drängen, erst mit Einsetzen der Krise Erfolg hatten. Heute nun hält China seine Wirtschaft überwiegend durch interne Kreditexpansion am laufen, die einen unglaublichen Investitionsboom finanziert. Davon hat insbesondere die deutsche Wirtschaft, begünstigt durch den gesunkenen Euro-Kurs, stark profitiert. Nun droht allerdings in China die Kreditblase zu platzen (vgl. dazu: Michael Pettis: Avoiding the Fall), was für das deutsche Exportmodell zum Problem werden könnte. Auch andere Schwellenländer, die durch Leistungsbilanzdefizite für Antrieb in der Weltwirtschaft gesorgt haben, sind inzwischen schon an Grenzen gestoßen. In Europa wird die Wirtschaft noch durch relativ hohe laufende Staatsverschuldung in vielen Ländern über Wasser gehalten (vgl.: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/2-23042014-AP/DE/2-23042014-AP-DE.PDF). Die Frage ist, was geschieht, wenn dieser Impuls infolge der Schuldenbremsen wegfällt.

    Meine These ist: bei dem heutigen Maß an Ersparnisbildung aus Motiven der Altersvorsorge und Vermögensakkumulation, das weltweit betrachtet den gesunden, durch entsprechende Nachfrage gedeckten Bedarf an Kapital für realwirtschaftlichen Investitionen bei weitem übersteigt, ist eine Geldpolitik mit niedrigen Zinsen auf lange Sicht unvermeidlich, um Massenarbeitslosigkeit und Kriseneinbrüche zu bekämpfen. Doch ist eine solche Geldpolitik angesichts ihrer begrenzten realwirtschaftlichen Wirkung immer auch mit dem Aufbau neuer Blasen und der Entwertung von Vermögen in resultierenden Krisen verbunden. Durch die interne Kreditexpansion Chinas, den Rückgang der Ölpreise und die krisenbedingte erhöhte Verschuldungsbereitschaft der Staaten ist die Krise vorübergehend entschärft worden, doch sie ist in keiner Weise gelöst. Eine bessere Regulierung der Finanzinstitutionen ist notwendig. Doch grundstürzende Experimente mit der Geldordnung bieten keinen wirklichen Lösungsansatz, weil sie weder von der richtigen Krisendiagnose ausgehen, noch in den meisten Fällen von einem angemessenen Verständnis der bestehenden Institutionen.

  12. Lieber Sven Giegold!

    Eine Vollgeldreform ist aus der Sicht der Geschichte des Geldes weder etwas Außergewöhnliches noch etwas Neues noch etwas, zu dem es keine praktischen Erfahrungen gibt. Eine Vollgeldreform entspricht inhaltlich nämlich genau der Geldreform, die vor ca. 160 Jahren aus guten Gründen auf der ganzen Welt beim Übergang von privaten Banknoten (ausgegeben von privaten Banken) zu ausschließlich „staatlichen“ Banknoten (ausgegeben von der Zentralbank) vollzogen worden ist.

    Zum Verständnis von Vollgeld: Die Einführung von Vollgeld ist am leichtesten zu verstehen in Analogie zu der Geldreform, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in allen Ländern der Welt durchgeführt wurde. Dabei wurden mit der Einführung von Zentralbanken die Ausgabe von privaten Banknoten durch private Banken verboten und die Ausgabe von Banknoten erfolgte nur mehr durch die Zentralbank. Banknoten stellen nichts anderes dar als auf Papier dokumentierte Forderungen (ursprünglich gegenüber privaten Banken und nach Einführung der Zentralbank gegenüber der Zentralbank), die als Zahlungsmittel verwendet werden können. Die heutigen Zahlungsmittel bestehen zum überwiegenden Teil nicht mehr aus Banknoten sondern zu etwa 85% aus Buchgeld, d.h. aus nicht auf Papier dokumentierten Forderungen gegenüber privaten Banken, sondern aus „elektronisch“ dokumentierten Forderungen gegenüber privaten Banken. Eine Vollgeldreform ist nichts anderes als den Schritt, der im 19.Jahrhundert für auf Papier dokumentierte Forderungen an private Banken (private Banknoten) vollzogen worden ist auch für elektronisch dokumentierte Forderungen an private Banken (Giralgeld) zu vollziehen. (Siehe Grafik

    https://www.dropbox.com/s/b319fwzs957x0x0/Vollgeld%2C%20Schematische%20historische%20Entwicklung%20privatem%20bzw.%20staatlichem%20Geld.pptx

    Aus diesem Gesichtspunkt ist Vollgeld eine genauso dringend notwendige wie auch praktisch erprobte Geldreform, wie die Geldreform in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Sie ist damit auch eine wesentlich konsistentere Lösung als 100%-Geld.

    Ich empfehle daher dringend, dass sich die Politik ernsthaft mit der Notwendigkeit einer Vollgeldreform auseinandersetzt und diese nicht als nicht durchsetzbares Hirngespinst von einigen Laien betrachtet, die von Geld keine Ahnung haben. Für eine ausführlichere Diskussionen stehe ich natürlich gerne zur Verfügung.

  13. Ich bin immer wieder überrascht, dass die Diskussion sich immer sofort um Details kümmert, aber nie die absoluten Basics wirklich anspricht.

    Viele Geldsystemkritiker verwenden auf die Erklärung des Hauptproblems nur extrem wenig Zeit, bei Margrit Kennedy waren es 7 Minuten des Vortrags im Chiemgau. Und es geht immer nur um folgendes, was auch in diesem Papier nur tangiert wurde:
    – Geld kommt als Kredit in die Welt
    – Darauf muss man Zinsen zahlen
    – Diese Zinsen existieren nicht und müssen als neuer Kredit in Umlauf gebracht werden
    – Der Zinseszins-Effekt entsteht
    – Das Geld vermehrt sich von selbst exponentiell
    – Man hat nur noch die Wahl zwischen entsprechendem Wachstum oder Verarmung eines immer größeren Teils der Bevölkerung

    Diese Kette ist so grundlegend, dass ihr Verständnis die meisten der im Papier beschriebenen Punkte von Krankheiten zu Symptomen degradiert oder die Logik von wahrgenommener Ursache und Wirkung ins tatsächliche Gegenteil verdreht.

    Dass diese Punkte vom Autor nicht verstanden wurden, zeigt sich allein schon daran, dass er immer noch der Illusion aufsitzt, man könne die Geldmenge im derzeitigen System kontrollieren. Fällt diese falsche Annahme weg, stellt sich die derzeitige Situation aber grundlegend anders dar. Dann ist die sich von selbst ausweitende Geldmenge der bestimmende Faktor, der politische/(de-)regulatorische/usw. Entscheidungen auf perverse Weise notwendig macht.

    So lange wir uns mit der Diskussion in Sphären oberhalb dieses Problems befinden, sind weder dessen Verständnis noch Heilung möglich.

  14. Zunächst einmal herzlichen Dank an Dich, Sven, für deine Aktivitäten bei der Regulierung der Banken, Versicherungen und Finanzmärkte in den vergangenen Jahren. Ich habe sie allesamt als sehr engagiert, erfolgreich und sinnvoll empfunden.

    Herzlichen Dank auch für diese Expertise, die die über die bisherigen Regulierungen hinausgehenden Herausforderungen und möglichen grundsätzlichen weitergehenden Lösungen angemessen widerspiegelt.

    Meiner Überzeugung nach führten alle drei auf den Seiten 2 und 3 vorgestellten Varianten für die durch Kreditexzesse ausgelöste Finanzkrise eine Rolle – also sowohl

    1. die Politik fahrlässig niedriger Zinsen und entsprechend billigen Geldes der Notenbanken,
    2. die inhärent instabilen, wankelmütigen Finanzmärkte mit starkem Hang zur Vermögenskonzentration und
    3. die Kreditexzesse als zwingende Folge der bestehenden Geldordnung.

    Meiner Überzeugung nach ist selbstverständlich eine (wieder) stärkere Regulierung der Finanzmärkte, der Finanzprodukte und der Finanzakteure wie Banken und Versicherungen notwendig. Die Tobin-Tax ist hier nur als eine unter vielen notwendigen Regulierungen zu nennen. Für ebenso wichtig halte ich grundsätzlich die Erhöhung der vorgeschriebenen Eigenkapitalquote von Banken auf mindestens 30 % – die Schweiz ist hier neuerdings mit bereits 17 % der Vorreiter.

    Darüberhinaus halte ich für eine nachhaltige Stabilisierung der Finanzmärkte sowohl die Einführung von Vollgeld als auch von Freigeld für unverzichtbar.

    Otmar Issing hat als Chefökonom der EZB am 18. Februar 2004 im Wall Street Journal Europe – wie viele Experten vor und nach ihm auch – ein beschränktes Geldangebot der EZB als Instrument zur notwendigen Vorsorge vor asset-price inflation und deren vorhersagbaren negativen Folgen benannt: „Asset-price inflation could … be characterized as ‚too much money chasing too few assets‘. A central bank cannot control the use of money, but it can try to control its supply. In other words, the risks associated with asset-price inflation and subsequent deflation are an additional reason for paying close attention to money and credit.“

    Tatsache ist, dass sowohl nach dem Platzen der Aktienmarktblase Anfang des Jahrtausends als auch nach dem Platzen der Immobilienblase 2008/9 alle Ökonomen einhellig die zu expansive Geldpolitik der Zentralbanken als zumindest mit-entscheidende Ursache für das Entstehen der Blasen ausgemacht haben. Und mit genau dieser Ursache der Krisen bekämpft man jetzt wieder deren Wirkungen. D.h. die nächste Blase wird sehenden Auges produziert und zugelassen (dieses Mal ist es die Kreditblase der Staatskredite), weil man geldpolitisch seitens der Zentralbanken eben keine anderen Instrumente zur Verhinderung einer Deflation mehr zur Verfügung hat als das völlig unkontrollierte Schöpfen neuen Geldes.

    In und nach der Krise halten sich die Geschäftsbanken selbstverständlich mit der Kreditvergabe an Unternehmen und unsichere Staaten zurück. Mittel- und langfristig sind jedoch Unternehmen und Staaten die einzigen Akteure, die unsere Vermögen sicher in die Zukunft transportieren können. Bei tendenziell sinkenden Wachstumsraten der Realwirtschaft (und damit auch der Steuereinnahmen – zumindest im Europa-Durchschnitt gesehen) können diese Kreditnehmer jedoch mittel- bis langfristig nur noch Kreditzinsen in Höhe von knapp über Null bezahlen. Unser Geldsystem funktioniert bisher aber nur, wenn die langfristigen Habenzinsen weit über Null liegen – und die Kreditzinsen müssen zur Deckung der Bankkosten und des Inflationsausgleichs noch einmal mindesten 1,5 Prozent höher liegen.
    Die EZB könnte die Geschäftsbanken durch die – jetzt ja auch bereits in Europa und den USA öffentlich diskutierte – Einführung von Negativzinsen dazu zwingen, Kredite auch zu günstigeren Konditionen an Geschäftsbanken und Staaten zu vergeben. Dann bräuchte die EZB nicht mehr Billionen Euro an frischem Geld in die Märkte pumpen, die automatisch zu asset-price Inflation und dem Zerplatzen entsprechender Blasen führen müssen.

    Insoweit bin ich davon überzeugt, dass (nur) die Einführung von Freigeld, also von Negativzinsen (auf die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB und auf Giro- und Bargeld insgesamt) langfristig das erneute Aufbauen und Platzen von Blasen jedweder Art verhindern kann – als notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung. D.h. alle anderen, zum Teil bereits erfogten sowie darüberhinausgehend diskutierten Regulierungen herkömmlicher Art sind ebenso notwendig und sinnvoll.

    Schließlich bin ich davon überzeugt, dass die Einführung von Freigeld – also von Negativzinsen – auch das einzige Instrument der EZB zur Verhinderung von Deflation ist, dass mittel- und langfristig wirkt und tatsächlich kontrollierbar ist.

    Zu den Fragen in der Expertise auf Seite 6:

    *Sind wir nicht schon sehr nahe an der Abschaffung des Zinses? Gelten
    Niedrig- und Nullzinsen nicht heute eher als (eine mögliche) Ursache für
    Liquiditätsschwemmen und Spekulation? Animieren niedrige Zinsen nicht zur
    Suche nach möglichst gewagten Anlageformen, statt zu realen Ausgaben? Anders
    gefragt: Was würde sich am Hang zu manisch-depressiven Schwankungen der
    Finanzmärkte ändern, wenn es einen Negativzins gäbe?

    Kommentar:
    Der Autor verkennt hier das Konzept des Freigelds. Tatsächlich sinken die Zinsniveaus seit langem und beständig. Aktuell gelten Zinsen nahe Null jedoch nur für Deutschland, im heute relevanten Euroraum müssen andere Staaten und Akteure jedoch nach wie vor hohe positive Zinsen zahlen. Rein mathematisch ist es mittel- bis langfristig nur möglich, dass Unternehmen und Staaten für ihre Kredite Zinsen in der Höhe des realen Wirtschaftswachstums zahlen. Das Wachstum der realen Wirtschaft geht in Europa seit langem jedoch deutlich gegen Null und liegt nach der Krise seit Jahren bei um die 1 %. (Anmerkung nebenbei: dieses Wachstum der Realwirtschaft entspricht in absoluten Zahlen dem realen Wirtschaftswachstum der goldenen 50er und 60er Jahre – nur die Wachstumsrate ist heute niedriger, da das Wachstum zu einem viel höheren Grundniveau der Wirtschaftsleistung in Bezug gesetzt wird).
    D.h. Unternehmen und Staaten können und dürfen heute und in absehbarer Zukunft nur Kreditzinsen in Höhe von durchschnittlich 1 % bezahlen – sie zahlen jedoch weitaus mehr. Die Zinsniveaus, die heute in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sind regelmäßig die Haben-Zinsniveaus der Sparer, nicht die Sollzinsniveaus der Kreditnehmer. Zukünftig gibt es nur noch eine Stabilität im Finanzsystem, wenn die Sollzinsniveaus bei 1 % lieben, d.h. die Habenzinsniveaus müssen bei unter 0 % liegen – wie es auch Prof. Larry Summers,
    enger Berater von USPräsident Barack Obama, am 18. November 2013 beim IWF benannt hat. Damit unser Geldsystem dann immer noch funktioniert, braucht es Freigeld.

    Dass niedrige Zinsen den allgemeinen Hang zur Spekulation noch erhöhen, ist eine Tatsache. Zinsen sind aber wie andere Marktpreise auch eine Frage von Angebot und Nachfrage. Da die Geldvermögen ständig zunehmen, die Kreditnachfrage aber sowohl seitens der Unternehmen wie auch der Staaten sinkt, sinkt marktmäßig auf Dauer auch der Zins. D.h. die zunehmende Spekulation aufgrund niedriger Zinsen nimmt so oder so zu und muss durch andere Maßnahmen aufgefangen werden. Die durch Freigeld mögliche Absenkung der Soll-Zinsniveaus auf die durchschnittliche Wachstumsrate der Realwirtschaft ermöglicht trotzdem – und zwar meiner Überzeugung nach auf notwendige Weise – die grundsätzliche Stabilisierung unserer Vermögens- und Kreditmärkte.

    ** Steht den möglicherweise negativen Eigenschaften des Zinses nicht eine
    wichtige Allokationsfunktion entgegen – sowohl auf Mikro- als auch auf
    Makroebene? Ist es nicht sinnvoll, wenn bei überhitzender Konjunktur und
    entsprechend überschäumender Kreditnachfrage die Zinsen steigen können, um
    die Überhitzung zu verhindern? Wie soll auf Mikroebene sonst zwischen guten
    und schlechten Schuldnern unterschieden werden?

    Kommentar:
    Die Allokationsfunktion des Zinses bleibt bei der Einführung von Freigeld vollständig erhalten. Durch die Einführung von Negativzinsen auf Bargeld und Giralgeld sowie Übernacht-Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wird nur die Absenkung des Gesamt-Zinsniveaus auf die Wachstumsrate der Realwirtschaft ermöglicht, alle einzelnen auszuhandelnden Zinsraten folgen nach wie vor den Allokationsmechanismen.
    Die Zinsen können auch nach wie vor durch die EZB bei Überhitzung der Konjunktur angehoben werden. Freigeld bedeutet nicht die Festsetzung bestimmter Zinssätze für mittel- und langfristige Kredite, sondern nur die Einführung negativer Zinsen für Bar- und Giralgeld sowie für Übernacht-Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. Alle anderen Zinssätze ergeben sich nach wie vor aus dem Marktprozess.

    ** Was sagt das Wörgl-Experiment über die Wirksamkeit eines Negativzinses?
    Wie belastbar sind die historischen Belege in diesem Fall? Hat das Experiment
    nicht möglicherweise nur deshalb funktioniert, weil es zu der sehr
    außergewöhnlichen damaligen Lage passte? – also ein stark deflationäre Umfeld
    nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise

    Kommentar:
    Die außerordentlich positiven Wirkungen der Einführung von Freigeld in Wörgl haben zweifelsfrei auch mit der deflationären Situation zur damaligen Zeit und der gleichzeitig kontraktiven Geldpolitik zu tun. Die Einführung von Negativzinsen am kurzen Ende = Freigeld ist gleichwohl auch schon zur Verhinderung einer Deflation sinnvoll, da die Alternative – die Überschwemmung der Märkte mit Geld – stets unkalkulierbare Risiken bzw. eine hohe Wahrscheinlichkeit der Alimentierung des Entstehens der nächsten Blasen und entsprechender Crashs mit weitreichenden Folgen mit sich bringt bzw. nach aller Erfahrung sogar zwangsweise mit sich bringt.

    Als Nebenwirkung der Einführung von Negativzinsen ist die Inflationierung der Preise von Gütern mit nicht oder nur gering ausweitbarem Angebot zu erwarten. D.h. es wird eine Inflation bei den Goldpreisen geben und auch bei Grundstückspreisen. Man wird den Menschen vermitteln müssen, dass Gold nur noch eine Spielbank-Währung sein kann und wird (mit regelmäßigen Blasen und Crashs). Grundstücke wird man in Gemeineigentum überführen müssen, um die Nebenwirkungen der Einführung von Freigeld zu beherrschen.

    Als Fundierung meines Kommentares sende ich dir per Mail einen Vortrag, den ich 2007 unter dem Titel „Zins als Preis für Konsumverzicht – gilt das noch?“ auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll gehalten habe.

    Mit herzlichen Grüßen,
    Ralf Becker

  15. Zunächst einmal bedanke ich mich für diesen Vorstoß. Wir brauchen eine möglichst ideologiefreie Diskussion. Diese zu finden und zu führen, ist sehr schwer. Ich kann mich der Kritik von Norbert Häring nur voll und ganz anschließen. Das Papier von Herrn Fricke (und ich denke er hat versucht, rational und unabhängig zu sein) ist trotz aller Bemühungen noch zu wenig wissenschaftlich, um als Grundlage zu einer fundierten Diskussion dienen zu können.

    Vielleicht muss die Diskussion in weitere Teilbereiche zerlegt werden. Dazu ist es notwendig, die Funktionen von Geld herauszuarbeiten. Einzelne Aussagen beziehen sich derzeit auf zu vieles gleichzeitig.

    Beispiel:
    Dier Satz „Einerseits soll der Negativzins dazu führen, dass
    gehortetes Geld ausgegeben wird, was wirtschaftlichem Wachstum und einer
    (grundsätzlich) erhöhten Beanspruchung von Ressourcen gleichkäme.“
    ist, zusätzlich zu seiner eher diffamierenden Grundhaltung, eine Vermengung von mehreren Glaubenssätzen, die erst einmal entschlüsselt werden müssen, um sie rational diskutieren zu können. Hier wird eine Kette von Annahmen getroffen:
    1. Freigeldler wollen, dass gehortetes Geld ausgegeben wird
    2. Wenn gehortetes Geld ausgegeben wird, wächst die Wirtschaft
    3. Wirtschaftswachstum bedeutet erhöhten Ressourcenverbrauch
    4. Erhöhten Resourcenverbrauch wollen Freigeldler nicht

    zu 1.: Der Negativzins ist ein Werkzeug, um die UMLAUFGESCHWINDIGKEIT von Geld zu erhöhen. Die Formulierung „gehortetes Geld wird ausgegeben“ ist da nicht ganz korrekt. Es geht nicht nur um die (einmalige) Korrektur der Besitzverhältnisse. Diese ist zwar auch erwünscht, ist aber eher ein Nebeneffekt. Es geht um die Umlaufgeschwindigkeit. Bei dauerhaft hoher Umlaufgeschwindigkeit entsteht Hortung in dem Ausmaß, das wir heute kennen, nicht. Das wiederum hat viele Folgen, unter anderem in Bezug auf die Entwicklung von Wirtschaftsblasen und monetärer „Machtanhäufung“. Das Geld wird in seiner Funktion als reines Tauschmittel gestärkt und in seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel geschwächt.
    zu 2.: Wie gesagt geht es in erster Linie nicht nur um den einmaligen Prozess des Abbauens von bereits gehortetem Geld, sondern um eine dauerhaft erhöhte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Eine hohe Umlaufgeschwindigkeit bedeutet auch, dass weniger Geld benötigt wird, um das gleiche Volumen an Transaktionen zu bewerkstelligen. Wenn nun mehr Geld ausgegeben würde, das vorher gehortet oder rein spekulativ verwendet wurde, könnte das unter bestimmten Voraussetzungen zu mehr Wachstum führen, aber nicht unbedingt. Es könnte auch zu einer hohen Inflation kommen, weil das Mehr an Geld nicht an die tatsächliche Nachfrage und Produktion angeglichen ist. Wie dem auch sei, dies ist ein KURZZEITIGER EFFEKT. Wenn sich die Verhältnisse erst einmal angeglichen haben, dann führt eine erhöhte Umlaufgeschwindigkeit von Geld nicht per se zu mehr Wachstum oder mehr Inflation, sondern zu einer stärkeren Kopplung von Geld zu Tauschvorgängen, was langfristig eine Stabilisierung zur Folge hätte, da Geld sich dann vorrangig nur der Tauschmittelfunktion widmet und keine anderen Funktionen im Vordergrund stehen, die dieser Funktion entgegen wirken.
    zu 3.:
    Nicht zwingend. Auch hier könnte man genauer betrachten, wann Wirtschaft = Ressourcenverbrauch. Zumal Ressourcenverbrauch nicht gleich Ressourcenverbrauch ist. Es bestehen Unterschiede zwischen der Nutzung z.b. fossiler Ressourcen und Arbeitskraftressourcen.
    zu 4.:
    Eine komische und falsche Vermutung. Nur weil man Nachhaltigkeit anstrebt ist man gegen Ressourcenverbrauch? Ist man dann auch anti-amerikanisch?

    Also wirklich. Ich würde gerne zu einer inhaltlich getriebenen, ideologiefreien Diskussion meinen Beitrag leisten, aber wenn schon in einem Satz so viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, um überhaupt auf einer Ebene miteinander reden zu können, fehlt mir der Anhaltspunkt. Ich würdige durchaus den Versuch von Herrn Fricke – ich weiss ja, wie schwierig so etwas ist! Aber trotzdem – der Versuch ist noch nicht gelungen.

  16. ————————
    Hochzeit für Geldreform-Gutachter?
    Kritische Anmerkungen zu Thomas Frickes Kurzstudie „Hochzeit für Geldverbesserer“
    ————————-
    von Christoph Freydorf
    für die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe nachhaltiges Geld
    ————————-

    http://geld-und-nachhaltigkeit.de/wp-content/uploads/Freydorf-Anmerkungen-Gutachten-Fricke-Giegold-2014.pdf

    [ aus der Einleitung: ]

    Zunächst sind Auftraggeber und Autor zu danken, dass sie sich des Themas alternativer Geldreformen in ernsthafter und fachlicher Art angenommen haben. Umso mehr, als dass – trotz der unvermindert weiter schwelenden Finanz- und Eurokrise und des daraus resultierenden breiten Krisen-Diskurses in der Öffentlichkeit – die Diskussion von Geldreformen quantitativ und qualitativ nach wie vor weit hinter ihrer gesellschaftlichen Relevanz zurück bleibt. Ursächlich dafür ist sicherlich unter anderem die geringe Zahl ökonomisch ausgebildeter Reformbefürworter, viel mehr jedoch der Mangel an ernsthafter Auseinandersetzung auf Seiten der akademischen Ökonomik. Die wenigen Ökonomen, die sich dazu äußern, lehnen die größtenteils von zivilgesellschaftlichen Gruppen vertretenen Geldreform-Vorschläge fast einhellig pauschal ab. Gleichzeitig existiert gerade in den Wirtschaftswissenschaften so gut wie keine Forschung, die sich systematisch und im Detail mit den Reformkonzepten und ihren potentiellen makroökonomischen Auswirkungen auseinandersetzt, um diese Ablehnung auch argumentativ zu untermauern.

    Fricke gelingt es, seine Herangehensweise und Aufbereitung des Themas übersichtlich und selbst für den interessierten Laien verständlich zu formulieren – ein nicht zu unterschätzendes Kunststück im komplexen Feld der (Kritik der) Finanz- und Geldarchitektur. Zuerst skizziert er einige der gängigen Narrative zu möglichen Krisenursachen und -verläufen, um diesen Problemkonstruktionen in einem zweiten Schritt jeweils alternative Geldreformen zuzuordnen, die für sich ein Lösungspotential behaupten bzw. dies von ihm zugeschrieben bekommen.

    Bei allem Gewinn, mit dem sich weite Teile der Studie lesen lassen, bieten einige Aspekte Anlass zu ergänzenden und kritischen Anmerkungen:

    1. Auf der Metaebene: Fricke bekräftigt eine Notwendigkeit von Finanzmarktreformen und evaluiert Geldreformansätze aus genau diesem Blickwinkel. Damit kann seine Bewertung dem Potenzial der untersuchten „Radikalvorschläge“ nur bedingt gerecht werden, deren Wesensgehalt es ja gerade ist, die Geldordnung grundsätzlich zu reformieren und nicht „nur“ die Finanzmärkte einzudämmen.

    2. Auf der inhaltlichen Ebene: Während die meisten Reformideen sachlich korrekt dargestellt werden, ist insbesondere im Bezug auf die Vollgeld- und Freigeld-Ansätze eine Tendenz zur Oberflächlichkeit, Fehldeutung und Vermischung mit verschiedenen anderen Reformansätzen festzustellen, was deren Analyse und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen beeinflusst. Hinzu kommen gelegentlich undifferenziert oder inkonsistent verwendete Begriffsdefinitionen und Konzepte.

    3. Auf der Policy-Ebene: Die Möglichkeit von Krisenursachen außerhalb der Finanzmarktsphäre klammert Fricke in seiner Betrachtung aus. Davon ausgehend plädiert er für Regulierungsmaßnahmen, die ihm politisch leichter durch- und umsetzbar scheinen – die sich jedoch in der praktischen Umsetzung als tendenziell überkomplex und letztlich wirkungsschwach erweisen dürften.

    [… weiter unter: ]

    http://geld-und-nachhaltigkeit.de/wp-content/uploads/Freydorf-Anmerkungen-Gutachten-Fricke-Giegold-2014.pdf

    ——————-

  17. Den Blickwinkel ändern, Neues bemerken und Alternativen entdecken
    Eigentlich habe ich ja nichts Neues zu berichten, alles ist bekannt, sollte den studierten Fachleuten
    jedenfalls bekannt sein, das Rad muss nicht neu erfunden werden. Und es dürfte einem
    Normalverbraucher keine Schwierigkeiten bereiten, das alles mit gesundem Menschenverstand zu
    verstehen. Aber seltsam, fast keiner will davon etwas wissen. Ob es sich dabei um Linke oder
    Rechte handelt, um Geldfachleute oder -reformer, um studierte Ökonomen oder Gewerkschaftler,
    man will einfach nicht darüber nachdenken. Und veröffentlichen will man so etwas auf keinen Fall.
    Bei Ökonomen und Normalsterblichen sind die Grundsätze von Buchhaltung und Bilanzierung
    unbestritten, ebenso die darauf aufbauende volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Da gibt es immer
    zwei per def. gleiche Seiten wie Soll und Haben, Einnahmen und Ausgaben, Geldvermögen und
    Geldschulden (wie immer abgegrenzt), Exporte und Importe global, die sich immer zu Null addieren.
    Wenn man die Ausgaben an einer Stelle um einen bestimmten Betrag kürzt, dann sinken die
    Einnahmen an anderer Stelle um mindestens denselben Betrag, wenn alle Geldschulden getilgt
    werden, dann gibt es auch keine Geldvermögen mehr, und die Wirtschaft ist kollabiert. In der
    öffentlichen und veröffentlichten Diskussion scheint man solche Banalitäten verdrängt zu haben.
    Bei Ökonomen, jedenfalls solchen ohne ideologische Scheuklappen, gibt es auch keinen Streit
    darüber, dass Wirtschaft nur dann funktionieren kann, wenn alle wirtschaftlich relevanten
    Angelegenheiten gesetzlich geregelt sind. Und diese gesetzlichen Regelungen werden von Politikern
    gemacht und durchgesetzt. Wenn eine solche gesetzliche Regelung ihren Zweck nicht erfüllt, nicht
    zielführend ist, dann wird ein verantwortungsvoller Politiker sie modifizieren oder kassieren und
    durch ein besseres Gesetz ersetzen. Nebenbei bemerkt: Politiker können und dürfen sich nicht wie
    Theologen oder Juristen verhalten, die Gesetze auslegen und für deren Einhaltung Sorge tragen,
    Politiker haben eben diese Gesetze zu verfassen, zu gestalten unter dem Gesichtspunkt, dass sie der
    Wohlfahrt und Nachhaltigkeit der Gesellschaft dienen. Oberste Gerichte müssen Politiker an diese
    Pflichten erinnern, sie in wichtigen Fällen dazu auffordern, notwendige gesetzliche Regelungen zu
    beschließen. – Dieses Primat der Politik wird von allen Politikern in Sonntagsreden beschworen, es
    wäre zu wünschen, dass es auch im Alltag gilt. Jedenfalls sollte der mündige Wahlbürger den
    Politikern nicht erlauben, dass sie sich aus der Verantwortung stehlen, indem sie sich auf
    Sachzwänge berufen. Bei solcher Betrachtung der Lage kann es solche Sachzwänge nämlich gar
    nicht geben.
    Nach der Aufgabe des Goldstandards wurde von Ökonomen zur Kenntnis genommen, dass es
    weltweit nur noch fiat money gibt, dass sich die staatliche Theorie des Geldes in der Realität
    durchgesetzt hat, nach der Geld ein staatliches Konstrukt ohne eigenen Wert ist. Diese staatliche
    Theorie des Geldes (Chartalismus) wurde von Modern Monetary Theory unter Einbeziehung der
    Einsichten von Keynes, Lerner, Minsky u.a. weiterentwickelt und mit dem Konzept von Jobgarantie
    verbunden. MMT kam dabei schlüssig und logisch einwandfrei zu der Feststellung: Ein souveräner
    Staat mit eigener Währung hat bei der Finanzierung seiner Ausgaben und Aufgaben keine
    Schwierigkeiten, wenn er sich nicht in fremder Währung verschuldet; als Herausgeber der eigenen
    Währung durch die staatliche Institution Zentralbank ist er im Prinzip nicht auf Einnahmen durch
    Steuern, Abgaben oder Anleihen angewiesen, diese dienen vielmehr politischen Zielen wie der
    Korrektur von Marktergebnissen, der Verhinderung von Inflation usw. Wenn nun ein solcher Staat
    zwecks Bezahlung seiner Ausgaben sein eigenes Geld direkt in den Wirtschaftskreislauf einschleust,
    in den Privatsektor (Privathaushalte und Unternehmen des Inlandes) einspeist, dann kann es keine
    Forderung nach Zinszahlung oder Schuldentilgung seitens des Privatsektors oder Auslandes geben,
    da der Staat ja nur bei sich selbst verschuldet ist. In der Realität und Realwirtschaft verwandeln sich
    diese virtuellen Schulden in öffentliches Vermögen, in Infrastruktur im weitesten Sinne. Natürlich
    lassen sich diese fiktiven Schulden rein theoretisch tilgen, wenn der Staat dieses öffentliche
    Vermögen zu Herstellungspreisen an den Privatsektor verkauft (privatisiert) und die dabei erzielten
    Einnahmen an die Zentralbank zwecks Tilgung der „Schulden“ weiterreicht. Dann fehlt das Geld
    allerdings im Privatsektor und in der Privatwirtschaft.
    Um es klar und deutlich zu wiederholen: Es muss klar unterschieden werden zwischen dem
    Staatssektor und dem Privatsektor, es muss demzufolge auch ein zweistufiges Bankensystem geben:
    die Zentralbank ist als staatliche Institution dem Staatssektor zugeordnet, im Privatsektor gibt es ein
    zweites Bankensystem, das mit dem Privileg ausgestattet ist, dass es Geld „schöpfen“ darf und
    Kredite vergeben , und das sorgfältig reguliert und beaufsichtigt werden muss. Eine staatliche
    Finanzierung, die zu virtuellen Schulden führt, ist bislang verboten, weil das starken wirtschaftlichen
    Interessen widerspricht, und ist entsprechend gesetzlich geregelt ist. Diese virtuellen Schulden
    müssen gedanklich scharf unterschieden werden von den Schulden, die ein Staat macht, wenn er
    Anleihen auflegt und diese an den Privatsektor verkauft zwecks Erzielung von Einnahmen; solche
    staatlichen Anleihen werden im Privatsektor gehandelt, dafür müssen Zinsen gezahlt werden, diese
    Schulden müssen auch getilgt werden.
    Angesichts des riesigen Investitionsstaus gerade im öffentlichen Bereich sollte es an der Zeit sein,
    auf diesem Wege (mittels virtueller Schulden) öffentliches Vermögen aufzubauen, zu investieren und
    mit der Manie von Privatisierung aufzuhören, mit dieser Verschleuderung des öffentlichen
    Vermögens. Denn mangels Gewinnaussichten wird ja von den Privatunternehmen seit längerer Zeit
    nicht mehr in die Realwirtschaft investiert, entsteht also auch da eine Investitionslücke und
    vergrößert die in der Volkswirtschaft insgesamt.
    Sicher, ein gewöhnungsbedürftiger Denkansatz, aber das ist kein hinreichender Grund, um jede
    Diskussion darüber zu verweigern. Und mir geht es zunächst einmal darum, dass so etwas ernsthaft
    diskutiert wird. In diesem Falle könnte man nämlich dank besserer Diagnose die Banken- und
    Finanzkrise von ihren Ursachen her angehen und sogar lösen. Und das ewige Gerede über die
    Staatsschulden könnte ad acta gelegt werden, weil es schlichter Aberglaube ist. Natürlich ist mir auch
    klar, dass es erhebliche Schwierigkeiten geben wird bei der Regelung des Finanzbereichs im
    Privatsektor, wo es vornehmlich um Privilegien geht und deren Verteidigung. Aber vielleicht würde
    die Finanzkrise dann nicht mehr alle anderen Probleme aus den Blickwinkel verdrängen, könnte sich
    die Politik ernsthaft mit den wirklich wichtigen Themen der Nachhaltigkeit beschäftigen. Ich gebe
    die Hoffnung jedenfalls nicht auf, vielleicht ist der Mensch ja kein Irrläufer der Natur, wie A.
    Koestler meinte, der scheitert, weil er seine Lebensgrundlagen vernichtet.
    Falls man übrigens an einer gut lesbaren und mit historischen Fakten gespickten Darstellung der
    gegenwärtigen Wirtschaftslage interessiert ist, dann kann ich ohne Vorbehalt empfehlen „Der Sieg
    des Kapitals“ von Ulrike Herrmann; ich habe bei der Lektüre eine Menge gelernt. Und falls man
    einen logischen Fehler in meiner Argumentation entdeckt, dann teile man mir das bitte mit; ich falle
    anderen nämlich nicht gern mit Unsinn auf den Wecker.
    PS 1: Financial debt is a debt, but government debt is financial wealth to the private sector
    (jedenfalls bei keiner Auslandsverschuldung in fremder Währung und außenwirtschaftlichem
    Gleichgewicht; R. Wray, einer der Pioniere von MMT)
    PS 2: Den USA gelingt es bislang immer noch, sich auch im Ausland in eigener Währung zu
    verschulden, so dass sie keine Schwierigkeiten bei der Zinszahlung haben; die
    Staatshaushaltsprobleme und die Schuldenobergrenze sind hausgemacht; der Gesetzgeber könnte
    diese gesetzliche und finanzielle Selbstfesselung der Politik per Gesetz auflösen, falls Wall Street das
    erlauben würde, was unwahrscheinlich ist. Es müsste ein zweistufiges Bankensystem installiert
    werden mit der Zentralbank als staatlicher Institution einerseits, dem Bankensektor im Privatsektor
    andererseits, wie von MMT vorgeschlagen.

  18. Lieber Sven Giegold,

    danke für den Auftrag an Thomas Fricke, alternative Geldreformideen kritisch zu beleuchten. Da sich Erwiderungen zu dieser „Kurzstudie“ geradezu aufdrängen, ist sie hoffentlich Ausgangspunkt einer intensiveren Auseinandersetzung mit alternativen Ansätzen wie der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform.

    Wie aktuell und wichtig das freiwirtschaftliche Gedankengut ist, macht die derzeitige Diskussion um den von der EZB beschlossenen negativen Einlagenzins auf Zentralbankgeld sowie die von Kenneth Rogoff und anderen ins Spiel gebrachte Abschaffung des Bargelds zur Ermöglichung nomineller Negativzinsen beim Publikumsgeld deutlich. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel!

    Dabei halten wir eine differenzierte Betrachtung von Zinsen für notwendig:

    Zins ist nicht gleich Zins. So sind beispielsweise die verschiedenen Notenbankzinsen, die ihrerseits verschiedene Funktionen haben, von den Guthaben- und Kreditzinsen der Geschäftsbanken zu unterscheiden. Die Freiwirtschaft differenziert bei letzteren Zinsen zwischen verschiedenen Anteilen und problematisiert lediglich den von Silvio Gesell als „Urzins“ bezeichneten Anteil, der auf dem „Jokervorteil“ (Dieter Suhr) des Geldes beruht, das gegen alle anderen Waren und Dienstleistungen getauscht werden kann, ohne selbst wie diese einem Wertverlust zu unterliegen. Dieser „Urzins“ muss dem Geldbesitzer gezahlt werden, damit er bereit ist, auf den Jokervorteil zu verzichten und sein überschüssiges Geld auszuleihen. John Meynard Keynes hat die Bedeutung der Liquiditätsvorliebe ebenfalls erkannt und passenderweise von einer „Liquiditätsprämie“ gesprochen, die der Kreditnehmer an den Kreditgeber, also den Anleger, für die Aufgabe der Liquidität zu zahlen hat. Dies gilt im Übrigen auch für die Geldmarktzinsen.

    An der Legitimität dieser Liquiditätsprämie, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, muss tatsächlich gezweifelt werden. Sie stellt nicht allein eine leistungslose Einnahme und daher missbräuchliche Verwendung des öffentlichen Gutes Geld dar, sondern sie beeinträchtigt auch das Funktionieren unseres Geld- und damit auch des gesamten Wirtschaftssystems.

    Unsere vollständige Replik auf die Kurzstudie von Thomas Fricke findet sich im Juniheft unserer Zeitschrift FAIRCONOMY sowie im Internet unter dieser Adresse:

    http://www.inwo.de/fileadmin/uploads/media/ausgabe-2014-2_fricke.pdf

    Wir hoffen auf eine fruchtbare Diskussion!

    Beate Bockting
    Redaktion FAIRCONOMY, INWO e.V.

  19. Hallo Herr Giegold,

    auch von mir erstmal besten Dank für Ihre Bemühungen für eine bessere Welt und den Auftrag für die Kurzstudie.
    Was mir dabei auffällt, ist, dass es wohl auch in der Studie eine Begriffsvermengung gibt. Diese unklaren Begriffllichkteiten gibt es im Bereich des Geldes leider sehr häufig.
    Zum Beispiel der Satz: „Zum anderen animiere die Verzinsung dazu, Geld zu horten, statt es auszugeben“
    Was ist Horten? Ist Horten auch Sparen?
    Aus meiner Sicht ist Horten das Zurückhalten von Tauschmittel und Sparen das Freigeben von Tauschmittel – also Umwandeln von Tauschmittel in Vermögen.
    Was ist Geld? Aus meiner Sicht ist auch hier im Sprachgebrauche eine große Vermengung zwischen Geld-Tauschmittel und Geld.Vermögen passiert.
    Solange im Zusammenhang mit Diskussionen ums Geld diese Begriffe nicht immer sauber getrennt werden, wird es immer zu Mißverständissen kommen.
    Meiner Meinung nach sollte der Begriff Geld nur für Tauschmittel (Geldmenge M1=Bargeld +Sichteinlagen) verwendet werden. Alles andere sind Geld-Vermögen – sprich Anspruch auf Geld.
    Wie ist der Satz oben in der Studie nun zu verstehen?
    Animiert der Zins zum Zurückhalten von Geld-Tauschmittel oder Geld-Vermögen.
    Wenn der Autor gemeint hat, dass der Zins dazu animiere Geld-Tauschmittel anzusammeln = Horten -und so lese ich es in der Studie, dann ist das natürlich genau das Gegenteil von dem was die Geldreformer meinen.
    Der Zins ist im heutigen System nämlich genau das Werkzeug, das dieses Verhindern soll.

  20. Sehr klare und hilfreiche Kurzstudie – stimme gänzlich zu: statt abstrakter Systemdebatten brauchen wir eine Debatte über sinnvolle Regulierungen – Instrumente haben wir viele, von der Wiedereinführung bedingt fester Wechselkurse über Anhebung der Eigenkapitalquote bis hin zu steuerpolitischen Instrumenten. Gerade weil es zum Markt keine Alternative gibt, brauchen wir eine mutige Debatte über Regeln angesichts globaler Krisen in Zeiten des Klimawandels. Hierbei scheint mir die Aufgabe des demokratischen Staates zu sein, konsequente Spielregeln zu setzen, nicht aber das Spiel zu spielen.

  21. Den Text fand ich wenig strukturiert, voller seltsamer Fragen und impliziter Behauptungen. Darauf ist Norbert Häring bereits wunderbar in seinem Kommentar eingegangen. Ich beschränke mich hier auf die fachlichen Aspekte und folge dem Originaltext.

    Etwas schöner formatiert gibt es den Kommentar auf meinem Blog:
    http://www.sierszen.de/gesellschaftsreform/index.php/blog/10-geldsystem/35-hochzeit-fuer-geldverbesserer

    Einleitung II.

    Zinsen und Wachstumszwang

    Es gibt ein relativ einfaches Beispiel für Wachstumszwang durch unser Geldsystem, das immer wieder gebracht wird: Nämlich, dass bei der Geldschöpfung per Kreditvergabe aus dem Nichts, nicht das Geld für die Zahlung der Zinsen entsteht.
    D.h. wenn eine Bank € 100 zu 5% verleiht, will sie am Ende des Jahres € 105 zurück. Das ist aber nur möglich, wenn jemand diese € 5 ebenfalls als Kredit aufnimmt. Dieses Beispiel ist natürlich stark vereinfacht, trifft aber doch irgendwie den Kern der Sache.

    Ich werde das etwas näher an der Realität erläutern. Es gibt meiner Meinung nach zwei Gründe, die „Wachstum“ erzwingen. Erstens: Schuldgeld. Zweitens: positiven Zinsen.

    Geld entsteht durch Kreditvergabe aus dem Nichts (Schuldgeld). Darin, dass Geld aus dem Nichts entsteht, sehe ich kein Problem. Dass es jedoch nur als Kredit, über Neuverschuldung in die Welt kommt und mit positiven Zinsen behaftet ist, ist problematisch.

    1. Wenn jemand seinen Kredit zurück zahlen will, muss er den anderen das Geld wegnehmen und es der Bank geben, wodurch es durch die Tilgung vernichtet wird. Die Geldmenge schrumpft, es droht Deflation. Es muss wieder ein Kredit aufgenommen werden, um das fehlende Geld auszugleichen. Dieser Kredit wird in der Regel für eine Investition vergeben und genutzt. -> Wachstum

    2. Positive Zinsen sorgen für eine Umverteilung des Geldes von der Masse zu den Vermögenden. Nur 10% der Menschen in Deutschland haben mehr Zinseinnahmen als Zinsausgaben. Dort konzentriert sich das Vermögen. Dadurch, dass es dort nicht hauptsächlich ausgegeben (Konsum im Wirtschaftskreislauf), sondern investiert oder angelegt wird (im Finanzkreislauf), fehlt es in der (Real-)Wirtschaft. Dieser Abzug der Geldmenge in der Wirtschaft muss durch neue Investitionen ausgeglichen werden. Das Geld dafür kommt entweder von den Vermögenden (zurück), zum allergrößten Teil aber aus Krediten, also „neuem Geld“.

    D.h. also das Geld, das dem Wirtschaftskreislauf durch Tilgung und Hortung entschwindet, muss durch „neues Geld“ aus Krediten wieder aufgefüllt werden. Diese Kredite werden in der Regel für Investitionen der Wirtschaft gewährt. Des weiteren steigen die Vermögen und die damit verbundene Zinslast permanent und muss durch eine stetig wachsende Geldmenge bedient werden. Das ist meiner Meinung nach der Wachstumszwang, denn wenn dieses abfließende Geld nicht ersetzt wird, und nicht ständig „aufgestockt“ wird, drohen Deflation mit Arbeitsplatzabbau und allen anderen Konsequenzen.

    Die Regierung sieht hier jedoch einen ganz anderen Wachstumszwang. Denn wenn es in der Wirtschaft mit der Kreditvergabe „hakt“, hilft der Staat nach und verschuldet sich, oder setzt Konjunktur- oder Wachstumsimpulse, damit andere stärker angeregt werden, sich verschulden.

    Dabei ist immer die Hoffnung der Regierung(en), dass die Wirtschaft sich stärker bzw. schneller verschuldet, als sie selbst, damit sie eine Chance hat, ihre eigene Verschuldung durch höhere Steuereinnahmen zurück zu fahren. Denn dieser Punkt – mehr Konsequenz, als Ursache – ist das erforderliche BIP-Wachstum, um die Staatsverschuldung zu kompensieren. Dieses BIP-Wachstum, ist das, woran die meisten Menschen bei „Wachstum“ denken.

    Da sich immer irgendjemand verschulden muss, um die Geldmenge zu erhöhen, bzw. die Abflüsse zu kompensieren, springt also auch der Staat ein, in der Hoffnung, dass durch seine Investitionen das BIP und somit die Steuereinnahmen steigen. Bzw. er holt sich mit dem Verkauf von Staatsanleihen das fehlende Geld von den Vermögenden (zurück), um es in den Wirtschaftskreislauf zurück zu speisen. (An dieser Stelle könnte man natürlich ketzerisch fragen, warum der Staat sich dieses Geld nicht über Steuern holt. Also warum Steuern auf hohe Einnahmen und Zinseinnahmen sinken, während gleichzeitig die Staatsverschuldung ansteigt.)

    Etwas naiv finde ich die Frage des Autors, warum es trotz angeblichen Wachstumszwang nicht immer Wachstum gibt. Wie oben erläutert gibt es die Notwendigkeit zum Wachstum (Geldmengenausweitung), um Deflation zu vermeiden. Was aber keine Wachstumsgarantie ist.

    Niedrigzins ist nicht Freigeld
    Die aktuelle Phase des Niedrigzins entspricht nicht der Idee der „negativen Zinsen“ der Freigeldanhänger. Bei der Freigeld-Idee gibt es einen negativen Zinsen (auch Umlaufsicherung, Umlaufgebühr, Anti-Hortungsgebühr, Umlaufimpuls, Umlaufantrieb genannt), der auf Bargeld (und Giralgeld) angewendet wird. Der Kreditzins nahe Null ist da nur eine Konsequenz von Angebot und Nachfrage am Markt. Die aktuelle Situation entspricht dieser Idee in keiner Weise.

    Aber richtig ist wohl, dass Kredite zu 0% zu „unbedachten“ Investitionen führen könnten. Hier würde ein Vollgeld helfen, die Geldmenge direkt unter Kontrolle zu halten.

    Weiter ist auch richtig, dass es positive Zinsen nur mit extrem hohem Risiko geben würde; oder durch Investitionen in die Realwirtschaft. Aber auch Dividenden würde es wohl nicht mehr geben, denn mit Krediten zu 0% und Menschen, die froh sind, wenn ihr Geld bzw. Kapital wenigstens nicht an Wert verliert, wird es dafür in der Regel keine Notwendigkeit geben. D.h. einfach nur jemandem Geld leihen wird nicht ausreichen, um Rendite zu bekommen. Man muss eine Geschäftsidee erfolgreich umsetzen, um eine realwirtschaftliche Rendite zu erzielen.

    Die Kritik, dass bei Freigeld, also Geld mit einem „Umlaufantrieb“ ebenso ein Wachstumszwang entsteht, wie derzeit, scheint auf den ersten Blick berechtigt. Wenn alle immer sofort konsumieren, um der Gebühr zu entgehen, wird es Wachstum geben. Das wird wahrscheinlich so sein. Es wird aber eher ein Wachstumsdrang, als -zwang sein. Denn es wird eher ein Konsum-Wachstum sein, bei dem die Menschen ihr Geld schneller ausgeben (Geld läuft schneller um) und für Mehreinnahmen sorgt; im Gegensatz zum jetzigen Investitionswachstum, das auf billigere Produktion und Effizienzsteigerung auf Kosten von Mensch und Natur abzielt.

    Vier Gründe, die für Freigeld sprechen.

    1. Es wird weniger „spekulatives Geld“ geben, denn das Vorhalten wird teuer sein. Je kurzfristiger das Geld verfügbar sein muss, um so teurer wird es. Die Menschen werden entweder konsumieren, oder langfristig anlegen.
    2. Dieses Wachstum wird durch Konsum finanziert sein, nicht durch Investition. D.h. die Einnahmen werden sich erhöhen, bzw. früher verfügbar sein, wodurch höhere Löhne oder Investitionen möglich sind. Es wird aber keinen Kredit-finanzierten Investitionsdruck geben. Stattdessen werden Kunden in Vorleistung gehen und z.B. Handwerkern schon vorab bezahlen, um der Gebühr zu entgehen. (Einnahmen stehen schneller zur Verfügung)
    3. Durch die direkte Steuerung des „negativen Zinses“ auf Bargeld (und Giralgeld) wird die Umlaufgeschwindigkeit exakt steuerbar sein. Mit Vollgeld könnte zudem auch die Geldmenge exakt gesteuert werden. Heute ist weder die Geldmenge, geschweige denn die Umlaufgeschwindigkeit direkt steuerbar.
    4. Keine Vermögenskonzentration durch Zinsen und Dividenden. Ein Anwachsen der Vermögen durch Zinsen wird nicht mehr möglich sein. D.h. ein Zwang zur Neuverschuldung, um das Geld, das durch Zinszahlung aus dem Wirtschaftskreislauf abgeflossene ist, zu kompensieren, wird nicht notwendig sein. Gleichzeitig wirkt es dem Auseinanderdriften der Arm-Reich-Schere entgegen.

    Wenn man einfach mal nur überlegt, wie man die beste Kontrolle über die Geldmenge und deren Umlaufgeschwindigkeit bekommt, muss man Vollgeld und Freigeld in Kombination betrachten. Direkte Kontrolle der Geldmenge, sowie direkte Kontrolle der Zinsen für Bar- und Giralgeld, ohne dass beide Größen durch Banken und deren eigene Profit-orientierte Interessen verwässert werden.

    „Ist es nicht sinnvoll, wenn bei überhitzender Konjunktur und
    entsprechend überschäumender Kreditnachfrage die Zinsen steigen können, um die Überhitzung zu verhindern?“
    Natürlich kann die Umlaufgebühr der Konjunktur angepasst werden. Das passiert aber im Gegensatz zu heute direkt. Und die Zinsen für Kredite werden sich immer noch am Markt finden, sie werden nicht durch die Zentralbank bestimmt.

    Nebenbei:
    Ist es wirklich gut, wenn der Markt entscheidet, wer „gut“ und wer „schlecht“ ist? Banken haben ihre eigenen Interessen. Deswegen muss ihnen ja auch der Gesetzgeber vorschreiben, wie sie gut und schlecht definieren sollten. Und der Vorwurf, wenn die ZB alleine den Zins bestimmen würde, wären eventuelle Fehler noch fataler, weil dann kein Markt mehr dazwischen ist, der mit noch mehr Wissen diese Fehler wieder ausbügelt ist ein Eigentor. Man muss sich doch nur die Subprime-Krise anschauen, als die FED den Fehler gemacht hat, zu lange zu billiges Geld auszugeben. Die Banken haben diesen Fehler nicht kompensiert, sondern potenziert, in dem sie auf „Gedeih und Verderb Kredite rausgehauen“ haben, an Menschen, die sich bei „normalen“ Zinsniveau kein Haus hätten leisten können.

    1. Goldstandard
    Eine fixe Geldmenge ist schlecht. Denn die Geldmenge muss zur Wirtschaftskraft passen, sie muss mit ihr schrumpfen und wachsen können. Bei echtem Goldstandard hätte man bei wachsender Wirtschaft permanente Deflation.

    Nebenbei:
    Man braucht keine „Deckung“ für ein Geldsystem. Ein staatlich verordnetes Zahlungsmittel, wie die DM oder der Euro, werden bereits durch die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft gedeckt. Die Goldstandardanhänger behaupten immer wieder gerne: nur Gold ist echtes Geld. Dem möchte ich widersprechen. Auch wenn Gold eine Jahrtausende alte Tradition als Wertaufbewahrungsmittel hat, und wohl unbestritten auch als „echtes Geld“ bezeichnet werden kann, so ist es nicht das Einzige. Echtes Geld, ist alles, was funktioniert. Ob es einen inneren Wert hat, wie Gold, Schnaps und Zigaretten, oder nicht, wie Papiergeld.

    2. Free Banking
    Ja, das sehe ich wie der Autor. Ich denke, dass es in einem solchen System keinen realen Wettbewerb geben würde. Zudem dürfte es ziemlich umständlich sein, immer mit verschiedenen Währungen zu agieren. Aus meiner Erfahrung heraus ist es vielen Geschäften schon zu viel Umstand, ein Regionalgeld neben dem Euro einzuführen. Wie werden sie wohl reagieren, wenn es zig Währungen gibt, die in ganz Europa erlaubt sind? Es wird sich ziemlich schnell eine Währung herauskristallisieren, die von allen akzeptiert wird, um den Arbeitsaufwand zu reduzieren. Damit hat man dann ein quasi-Monopol.

    3. Vollgeld
    Bei der Vollgeldidee (Monetative, nicht 100%-Money) muss man ganz klar zwei Aspekte der Idee getrennt betrachten und darf sie nicht vermischen.
    1. Die exakte Kontrolle der Geldmenge
    2. Das „Verschenken“ des Geldes, um so eine Basis schuldenfreien Geldes zu erzeugen.

    a. Wenn die ZB Geld schafft und verschenkt, können dadurch natürlich Schulden abgebaut werden.

    b. Die ZB hätte weiterhin alle Möglichkeiten, der Geldmengensteuerung, wie jetzt auch; d.h. Leitzinsen, diverse Tender, etc. für kurzfiristige Geldmengenänderungen, sowie zusätzlich die Möglichkeit zu schenken, um die Geldmenge dauerhaft zu erhöhen. Außerdem könnte sie durch den Empfänger der Schenkung direkten Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Sie könnte es der Regierung schenken, den Bürgern oder auch den Unternehmen. (Hier kommt natürlich sofort die Frage auf, ob das der Auftrag der ZB ist.)

    c. Wer entscheidet, wem das Geld gegeben wird? Wie wär’s mit dem Volk? Schließlich leben wir ja in einer Demokratie, oder?!

    d. Hier habe entweder ich etwas nicht verstanden, oder der Autor.
    Für die Geldmenge gibt es aktuell verschiedene Größen (M1 – M3). M3 ändert sich nicht, wenn langfristig angelegte Gelder in Kurzfristige umgewandelt werden. Was sich ändert ist das Verhältnis M1 : M3-M1.
    Das ist so, weil alles elektronische Geld (ZB-Geld ausgenommen) Buchgeld ist.
    Mit Vollgeld würde sich das wohl nicht ändern. Es würde wahrscheinlich analog Bar- und Zentralbankgeld zu M0 und M1 gezählt. Die Menge an Vollgeld würde sich durch langfristiges Anlegen nicht ändern, es wechselt nur den Besitzer, aber die Buchgeldmenge würde sich ändern. D.h. es wäre der gleiche Vorgang, wie aktuell die Einzahlung von Bargeld auf ein Girokonto.
    Wenn man aber etwas verwaschen von „der Geldmenge“ spricht, und vielleicht M1 meint, gäbe es mit Vollgeld wohl auch kaum einen Unterschied. Denn auch Tagesgelder zählen zu M1, jedoch nicht zu Vollgeld. Bei einem Abziehen langfristiger Gelder, gäbe es auch mit Vollgeld (genau wie bisher) ein „Aufblähen“ von M1 zu Lasten von M3-M1. Jedoch gäbe es keine Änderung der Vollgeldmenge, sowenig wie es heute dadurch eine Änderung der Bargeldmenge gibt.
    Deswegen verstehe ich nicht, worauf der Auto hier hinaus will.

    e. Ich finde, es ist das kleiner Übel, wenn eine unabhängige (am besten noch demokratisch gewählte) Stelle etwas entscheidet, was die Allgemeinheit betrifft, ohne dass sie selbst davon profitiert. Wenn sie einen Fehler macht, kann sie ihn bei der nächsten Entscheidung wieder ausbügeln.
    Das größere Übel liegt für mich in „dezentralen“ Entscheidungen, auf die man kaum Einfluss hat, die zwar viele sind, aber alle nach den gleichen (Gewinn-orientierten) Interessen, zum eigenen Vorteil getroffen werden, die dann auch noch die Allgemeinheit betreffen, ohne dass sich jemand dafür verantworten muss.
    Siehe auch Subprime-Krise weiter oben.

    Etwas böse könnte man auch behaupten, dass die ZB aktuell eigentlich nur versucht durch antizyklische Maßnahmen, die ständigen Fehlentscheidungen der Banken zu kompensieren.

    Ein Problem sehe ich jedoch beim Vollgeld. Es bietet auch keine Möglichkeit, das Geld „in die richtige Richtung“ zu lenken. Es gäbe zwar eine schuldenfreie Geldbasis (Schenken vorausgesetzt), die die Zinslast für die Allgemeinheit senken würde. Jedoch würde die Vermögenskonzentration durch positive Zinsen nicht aufgehalten. D.h. auch wenn es schuldenfreies Geld gäbe, würde es sich irgendwann bei den Vermögenden sammeln und die Wirtschaft müsste es sich wieder zurück leihen.

    Interessant finde ich dann die Aussage des Potsdamer Ökonomen Armin Haas, dass „Ökonomen ehrlicherweise einräumen müssten, sehr wenig über die Funktionsweise des Geldes zu wissen.“
    Es scheint aber auch niemand wirklich kaum jemand zu interessiert sein, diesen Zustand des Unwissens zu ändern.

    Die Wirtschaftswissenschaft macht bei der Geldtheorie z.B. keinen großen Unterschied zwischen Geld ausgeben und Sparen. Für sie ist es völlig transparent: das Geld ist da, also macht es auch irgendwas. Es wird entweder ausgegeben oder gespart, wobei Sparen dem Ausgeben gleich kommt, denn sobald es gespart wird, steht es direkt jemand anderem für Investitionen zur Verfügung und sorgt eben dort für Umsatz.

    Das ist meiner Meinung nach völlig falsch. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ich kaufe jeden Tag bei meinem Bäcker zwei Brötchen. Eines Tages kaufe ich aber nur noch ein Brötchen und spare das Geld für das Zweite. Dem Bäcker fehlen aber nun Einnahmen. Großzügig, wie ich bin, leihe ich ihm mein Erspartes. Sagen wir für eine Investition in eine Maschine, die billigere Brötchen herstellt, denn er muss ja irgendwie den Einnahmeverlust ausgleichen (ein Brötchen weniger, das er verkauft) und zusätzlich das geliehene Geld zurück zahlen. Jetzt bekomme ich als Sparer nicht nur billigere Brötchen, sondern auch noch Zinsen auf das verliehene Geld. Und wenn ich die Zinsen behalten, fehlt den anderen noch mehr Geld und sie klopfen irgendwann an meine Tür, um sich noch mehr zu leihen.

    Und real ist es ja noch viel komplizierter. Ich leihe mein Geld nicht dem Bäcker, sondern der Bank und bekomme von ihr die Zinsen. Die Bank schafft Geld aus dem Nichts, das sie dem Bäcker leiht und bekommt dafür noch mehr Zinsen. Die dadurch entstehende systemimmanente Dynamik – nämlich die Umverteilung des Geldes resp. Kapitals durch Zinsen – muss unbedingt beachtet werden und in die Wirtschaftstheorien einfließen!

    Bitcoin Exkurs
    „Sind die Bitcoins damit nicht unfreiwillig zum Beweis dafür geworden, dass es beim Kampf gegen Finanzblasen überhaupt nichts hilft, die Menge an Geld strikt zu kontrollieren?“
    Nein. Hier vermischt der Autor das Kaufmittel Geld mit dem Spekulationsobjekt. Bitcoin ist ein unfälschbares elektronisches Geld mit begrenzter Menge. Aber es ist kein offizielles Zahlungsmittel, sondern auch Ware (mit begrenztem Angebot) und unterliegt somit Spekulation und Nachfrage. Dass sich mit zunehmendem Interesse, also Ausweitung der Nutzung, Deflation des Geldes – = Wertsteigerung der Ware Bitcoin – ergibt ist nur natürlich. Aber die Blase bzw. Schwankung im Wert der Ware Bitcoin unterliegt den gleichen Gesetzmäßigkeiten, wie alle anderen Waren (Gold, Immobilien, …) auch und hat nichts mit der Idee „Bitcoin als Geld“ zu tun.

    IV
    Zu Fußnote 8: In einem Vollgeld-System gäbe es keine Geldmengenausweitung durch Verbriefung.

    Die Frage die immer wieder auftaucht, ist: Trägt die Kreditgeldschöpfung der Banken dazu bei, Blasen zu erzeugen. Und wenn ja, wie stark?

    Wenn dem so wäre, warum gab es solche Schwankungen nicht in den 50er – 70er Jahren? Vielleicht lag es an der starken Regulierung. Ich denke aber, es lag auch daran, dass das System am Anfang stand, gerade erst gestartet war. Am Anfang waren die Vermögen relativ gleichmäßig verteilt und es gab „viel zu tun“. Häuser und Industrie mussten wieder aufgebaut werden. Es gab eine große Notwendigkeit die Realwirtschaft wieder aufzubauen. Das Geldsystem, dass hier beliebig viel Geld aus dem Nichts schaffen konnte hat sicherlich dazu beigetragen, dass es so gut funktioniert hat

    Aber unser Geldsystem, und damit unsere Wirtschaft, und die Verteilung der Vermögen entwickeln sich exponentiell. D.h. am Anfang läuft es lange gut. Aber irgendwann kommt man in einen Bereich, wo die Wachstumskurve zu steil wird, die Verteilung der Vermögen so ungleich und die Zinslast auf der Allgemeinheit so stark wird, dass es nicht mehr tragbar ist. Die Nachfrage nach realwirtschaftlicher Arbeit sinkt, die Konsumkraft der Masse sinkt und kann den Zinsforderungen der Kapitalbesitzer immer schwerer nachkommen.

    Nebenbei
    Besonders fatal ist es dann, in dieser Situation die Besteuerung der Superreichen zu verringern und die fehlenden Einnahmen mit der Ausgabe von Staatsanleihen zu kompensieren.

    Resümee

    Es wurden in dem Text einige Probleme angesprochen: Blasen und Finanzmarktblasen, Kreditexzesse, Abwandern von Kapital aus der Realwirtschaft in die Finanzwirtschaft.

    All diese Punkte muss man sehr differenziert betrachten, wie man auch die Lösungsansätze genauso differenziert betrachten muss. Nicht jeder Lösungsansatz behebt alle Probleme. Es gibt nicht „das Allheilmittel“. Jedoch werden die „radikalen“ oder „alternativen“ Lösungsansätze, wie z.B. Vollgeld, oft daran gemessen. Meist heißt es nur „Das ändert ja vielleicht das, ABER dieses oder jenes Problem wird damit nicht behoben.“

    Dass man Blasen und Finanzexzesse ganz verhindern kann, wage ich zu bezweifeln. Solange es überflüssiges (nicht für den Lebensunterhalt notwendiges) Geld gibt und den Hang zur Gewinnoptimierung (Gier, Herdentrieb, etc.), werden Blasen entstehen. Inwieweit Blasen heutzutage durch Kreditgeld gefördert werden, muss wissenschaftlich untersucht werden. Die Subprime-Krise springt einem dabei aber geradezu ins Auge. Ohne billige Kredite (aus dem Nichts) und deren Verbriefung, um noch mehr Kreditgeld schöpfen zu können, wäre das wahrscheinlich nicht so ausgeartet.

    Ich plädiere dafür, die Vollgeld-Idee und die Umlaufgebühr makroökonomisch zu untersuchen. Gerade im Hinblick auf die Quantitätsgleichung müssen einem diese beiden Ideen eigentlich sofort ins Auge springen.

    Auf weitergehende Diskussionen und Analysen würde ich mich freuen.

    Viele Grüße,
    Marc.

  22. Des Pudels Kern in dieser Kurzuntersuchung:

    „Dass es im Kern womöglich gar nicht so sehr um die Kreditvergabefreiheiten der Banken geht, lässt sich empirisch an der Erfahrung der Nachkriegszeit zeigen. Die 50er- bis 70er-Jahre waren eine Zeit hoher Stabilität der Finanzmärkte ohne große Finanzkrisen (wie verschiedene Indikatoren zeigen***). Und das, obwohl die Banken auch damals schon jene Freiheit hatten, mit Krediten Geld zu schaffen, die Vollgeld-Anhänger als zwingend krisenauslösend einordnen. Es kam trotzdem nicht zu Kreditexzessen. Womöglich schlicht deshalb, weil die Finanzmärkte damals noch stark reguliert waren, es ein Bretton-Woods-System fester Wechselkurse gab, ebenso wie Kapitalverkehrskontrollen über Grenzen hinweg. Zufall? Die Finanzinstabilität samt Kreditexzessen kam erst mit den 70er-Jahren zurück – als die Finanzmärkte erneut stark dereguliert wurden (so wie einst in den 20er-Jahren vor dem damaligen Crash). Das ist noch kein Beweis, aber ein ziemlich starkes Indiz dafür, dass es im Kern nicht an der Möglichkeit der Banken liegt, Kredite zu schaffen. Das konnten sie auch in den 50er- bis 70er-Jahren – ohne dass es zu entsprechenden Exzessen kam. Die Kernursache läge dann wohl eher in jener Liberalisierung der Finanzmärkte, die dazu geführt hat, dass die Finanzmärkte erneut so mächtige prozyklische Wellen erzeugten. Dann muss die Kur hier ansetzen, nicht so sehr bei der Kreditvergabemöglichkeit der Banken.“

    Kann es sein, dass eines der Gründe für die Liberalisierung der 70ern und auch den 20ern war, dass jeweils die monetäre Gewinnmöglichkeiten der Unternehmen an Grenzen stießen? Und dass dan die Eliten Tür und Tor für richtige Kreditexzesse öffneten?
    Ich meine Folgendes:
    Marx beschäftigte sich schon mit der “Paradox of Monetary Profits”. Bruun/ Heyn-Johnsen haben 2009 Marxens Denkfehler in seiner Arbeit abgestellt. Eine Schlussfolgerung:

    ‘Economics has not been able to capture what, at least Marx and Keynes, regarded as the most fundamental fact of capitalist economies – that firms produce in order to gain a monetary profit. If we accept this dictum, we must conclude that production rests on an illusion – an illusion that is created, maintained and destroyed on financial markets. Economic history tells us that all periods of great economic prosperity, are accompanied by periods of financial distress. We cannot grow unless we create the illusion, but history tells that the illusion cannot be upheld forever. The real consequences of the illusion, the machines, the houses and the infrastructure, however remains after financial meltdowns, and has so far secured a long term trend of positive growth.’
    http://www.economics-ejournal.org/economics/discussionpapers/2009-52

  23. Nach der Lektüre kommen mir Zweifel an der Unabhängigkeit und der Objektivität.

    Das beginnt schon damit, dass die „Fehler“ der PRIVATEN amerikanischen FED als „Notenbank“ als Beispiel genommen werden, dass „verantwortungsvolles“ Handeln einer staatlichen Organisation nicht gewährleistet werden kann.
    Im Falle FED ist es doch klar, dass die FED als vom Staat unabhängige, private Institution, die im Besitz der privaten Banken der USA ist, natürlich die Interessen dieser Banken vertritt und nicht die des Staates, d.h. der Allgemeinheit. Sicher hat Alan Greenspan in „großer Unabhängigkeit“ gehandelt, aber eben im Interesse des Finanzkapitals.
    Dass dies in einem unabängigen Papier so eindeutig falsch dargestellt wird, zeigt mir, dass dem Rest genauso wenig zu trauen ist.
    Sicher gibt es Fragen, das Vollgeld betreffend. Doch sind diese einfach zu beantworten.
    Das System ist doch deutlich: Das Finanzsystem wird so lange verkompliziert, bis jedeR Bürger meint dass er es nicht verstehen kann. Dann dürfen die „Experten“ machen was sie wollen und alle anderen haben den Mund zu halten.
    Von einem Grünen hätte ich mehr Unabängigkeit erwartet.
    Dass es zum Schluss noch „Vollgeld-Apostel“ heisst, dass also die Menschen die dieses einzig logische System vertreten quasi lächerlich gemacht werden, ist eigentlich ein Grund das ganze Papier zu ignorieren. Es zeigt, dass der Verfasser genauso vom System gekauft ist wie die anderen Kritiker des Vollgeld-Systems.

  24. Es gibt Kindergarten-Diskussionen und Diskussionen für Erwachsene. Erstere beschäftigen sich mit der sinnlosen Frage, ob es noch eine andere Möglichkeit des zivilisierten Zusammenlebens geben könnte als die Natürliche Wirtschaftsordnung; letztere behandeln die überaus sinnvolle und alles entscheidende Frage, welcher kollektive Wahnsinn die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute davon abhielt, den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation zu verwirklichen.

    Während die Allermeisten noch nicht einmal auf dem „Niveau“ der Kindergarten-Diskussionen angelangt sind, ist die Antwort auf die alles entscheidende Frage eindeutig:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2015/09/die-idiotie-vom-unverzichtbaren-zins.html

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